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Schützenvereine:Die Waffe zu Hause im Schrank

Neues Schützenheim des "Bund München" in Allach, 2017

Schießsportvereine, wie hier in München, haben in Deutschland eine lange Tradition. Doch nach jeder Gewalttat, bei der Sportwaffen verwendet wurden, wächst das Verlangen nach strengeren Regeln für Schützen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Nach den Morden von Hanau geraten Schützenvereine in die Kritik: Warum wollen Mitglieder unbedingt eigene Pistolen und Gewehre besitzen? Und mit nach Hause nehmen? Ortstermin bei einem Verein.

Von Claudia Henzler, Stuttgart

Im Vereinsheim der Neuen Schützengesellschaft Stuttgart im Stadtteil Botnang ist an diesem Abend einiges los. Kurz vor den Kreismeisterschaften wollen einige Schützen noch ein letztes Mal trainieren. Auf den Bahnen zwei und drei zielt ein Ehepaar konzentriert mit Kleinkaliberwaffen am ausgestrecktem Arm auf Papierscheiben in 25 Meter Entfernung, ein paar Bahnen weiter rechts feuert ein 35-Jähriger beidhändig mit einer Glock-Pistole Neun-Millimeter-Geschosse ab. Patronenhülsen aus Messing prasseln auf den kalten Betonboden.

Der Vereinsvorsitzende Martin Böttger hat zu einem Ortstermin eingeladen, um ein paar entscheidende Fragen zu klären: Warum wollen Sportschützen eine eigene Waffen besitzen? Und müssen sie die zu Hause aufbewahren? Darüber wird wieder einmal diskutiert, seit Ende Januar ein Sportschütze im württembergischen Rot am See sechs Angehörige tötete und zwei weitere verletzte. Und diese Fragen stellen sich verschärft, weil auch der mutmaßliche Täter im hessischen Hanau Mitglied in Schützenvereinen in München und Frankfurt war. Er brachte neun Menschen um, bevor er sich und seine Mutter tötete.

Aus Sicht der Sportschützen im Botnanger Vereinsheim sind die Fragen leicht zu beantworten. Sie üben einen Sport aus, bei dem es auch im Breitensportbereich auf Präzision ankommt, und sie schätzen nicht nur die Herausforderungen, die das Schießen an Konzentration und Körperbeherrschung stellt, sie wollen auch möglichst gute Ergebnisse erzielen. Deshalb müsse die Waffe optimal zum Schützen passen, sagen sie, der Griff wird individuell angefertigt, um perfekt in der Hand zu liegen, auch die Visierung der Waffe - auch als Kimme und Korn bekannt - wird auf das Auge des Schützen angepasst. Nicht zuletzt geht es um den Zustand von Pistole und Gewehr. Die Schützen wollten sicher sein, dass die Waffen gut gepflegt sind, nichts klemmt und die Kugel nicht vom Ziel abweicht, erklärt der junge Mann mit der Glock.

"Dann müsste man jeden Schützenverein in ein Fort Knox verwandeln", sagt der Vorsitzende

Wie bei so vielen Sportarten gibt es auch im Schießsport inzwischen viele verschiedene Disziplinen. "Wenn man verschiedene Disziplinen schießen möchte, braucht man verschiedene Waffen", erklärt ein Vereinsmitglied. Mit Luftdruckwaffen fängt man an, manche Schützenvereine beschränken sich auf diese Waffenart. Vielen reicht das jedoch nicht aus. Luftpistole sei wie Fahrradfahren, sagt einer der Botnanger Schützen. Danach steige man aufs Mofa um, also aufs Kleinkaliber, und irgendwann wolle man ein richtiges Motorrad fahren, und das wären in diesem Vergleich die Großkaliberwaffen, die mit ihrem Rückstoß deutlich schwieriger zu handhaben sind.

Die Frage nach der Aufbewahrung zu Hause beantwortet sich für den Vereinsvorsitzenden fast von allein: Wenn jedes der 240 Vereinsmitglieder zwei Waffen hätte - und die meisten haben mehr -, dann würde ein Schützenhaus mit einem zentralen Waffenlager zu einem lohnenden Ziel für Kriminelle. Das Waffengesetz schreibt vor, dass in unbewohnten Häusern maximal drei Gewehre aufbewahrt werden dürfen. Für Schützenvereine sind zwar Sondergenehmigungen möglich, wenn sie ein überzeugendes Aufbewahrungskonzept vorlegen. Böttger ist aber kein Verein bekannt, der eine zentrale Aufbewahrung für alle Mitgliederwaffen hat: "Wenn man das ändern wollte, dann müsste man jeden Schützenverein in ein Fort Knox verwandeln."

Seit dem Amoklauf von Winnenden, der sich am 11. März zum elften Mal jährt, wurde das Waffenrecht dreimal verschärft. Seitdem können die Ordnungsämter die Zuverlässigkeit und Eignung von Waffenbesitzern häufiger überprüfen. Außerdem stiegen die Anforderungen an die Sicherheit von Waffenschränken. Nun wird noch eine Abfrage beim Verfassungsschutz zum Standard. Die Mitglieder der Neuen Schützengesellschaft Stuttgart halten ihren Sport für ausreichend reglementiert.

Wer eine Waffe besitzen will, muss seinem Ordnungsamt neben der persönlichen Eignung zuallererst ein "Bedürfnis" für genau diese Waffe nachweisen. Er muss mindestens seit einem Jahr Mitglied eines Sportschützenvereins sein und ein Schießbuch führen, das seine Aktivitäten in der gewünschten Disziplin dokumentiert. Der Antrag muss von einem der anerkannten Schießsportverbände unterstützt werden, von denen der Deutsche Schützenbund mit nach eigenen Angaben 1,35 Millionen Mitglieder der größte ist. Daneben gibt es den Bund Deutscher Sportschützen, der seinen Schwerpunkt auf Großkaliberwaffen legt und 75 000 Mitglieder hat.

Pierre de Coubertin ist einer der Väter dieses Sports. Der Gründer der Olympischen Spiele der Neuzeit soll ein begeisterter Pistolenschütze gewesen sein. 1896 hat er mehrere Wettbewerbe mit Pistolen und Armeegewehr ins Programm genommen. Inzwischen sind bei den Olympischen Spielen nur noch Luftpistole und Luftgewehr sowie Kleinkaliberwaffen im Einsatz, abgesehen von den beim Wurfscheibenschießen verwendeten Flinten mit ihrer Schrotmunition, die als Großkaliber gelten. Was in Deutschland als Schießsport gilt, dürfen Verbände mit mindestens 1000 aktiven Mitgliedern selbst festlegen - sie müssen sich ihre sogenannten Sportordnungen jedoch vom Bundesverwaltungsamt genehmigen lassen. Diese Sportordnungen sind die Grundlage, auf der die Ordnungsämter Waffenbesitz genehmigen.

Solange also Disziplinen mit Großkalibern in den Sportordnungen deutscher Verbände auftauchen, können Schützen dafür Waffen beantragen. Daran hat sich nach Winnenden nichts geändert. Lediglich die Altersgrenze für den Umgang mit Großkalibern wurde erhöht: Musste man bis 2009 14 Jahre alt sein, um mit diesen besonders gefährlichen Waffen zu trainieren, beträgt das Mindestalter heute 18 Jahre.

© SZ vom 03.03.2020/jme/cat
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