Schröder zur Stammzellforschung "Wir müssen der Chance eine Chance geben"

Auch Ärztevertreter und Malteser Hilfsdienst reagierten mit Kritik. "Die wirtschaftliche Ausbeutung menschlichen Lebens in Deutschland ist sittenwidrig und muss es auch bleiben", sagte der Vorsitzende der Krankenhausärzte- Vereinigung Marburger Bund, Frank Ulrich Montgomery. Politik und Öffentlichkeit dürften nicht den Wunderversprechen einzelner Forscher verfallen.

Embryonen nicht als menschliche Wesen anzusehen, sondern als etwas Abstraktes, sei "das traurige Zeugnis eines ad absurdum geführten Materialismus", sagte der geschäftsführende Präsident des Malteser Hilfsdienstes, Johannes Freiherr Heeremann.

Für die Union wies Fraktionsvize Maria Böhmer die Forderung nach einer Liberalisierung scharf zurück. Die Regierung schrecke nicht davor zurück, ihre ethischen Grundsätze über Bord zu werfen, "um sich einen forschungsfreundlichen Anschein zu geben", sagte Böhmer. Weder in der Koalition noch im Bundestag habe Schröder dafür eine Mehrheit. Seiner Ankündigung von Gesetzesänderungen würden keine Taten folgen.

Auch der Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion in der Enquete- Kommission "Ethik und Recht der modernen Medizin", Thomas Rachel, sagte, die ethische Bewertung der Embryonal-Forschung dürfe "nicht von wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Erfolgen abhängig gemacht werden". Das Gesetz sollte nicht in Frage gestellt werden.

"Die Menschenwürde des Embryos und sein Recht auf Leben werden von uns nicht nur zum gegenwärtigen Zeitpunkt, sondern auch in Zukunft zu achten sein, falls embryonale Stammzellenforschung zu einem wissenschaftlich und wirtschaftlich Erfolg versprechenden Verfahren werden würde, was vollkommen offen ist."

Unterstützung bekam der Kanzler dagegen aus der FDP. So forderte der rheinland-pfälzische Justizminister Herbert Mertin Schröder auf, bald einen Gesetzentwurf zur Änderung des Stammzellgesetzes vorzulegen.

"Der Bundeskanzler muss seinen ständigen Ankündigungen endlich Taten folgen lassen", sagte Mertin in Mainz. Er kritisierte die Grünen, die Schröders Vorstoß zurückgewiesen hatten: Damit missachteten sie die Hoffnungen vieler kranker Menschen. Der Justizminister forderte erneut, die Forschung an embryonalen Stammzellen unter strengen Auflagen zuzulassen.

Der Kanzler hatte bereits in der Vergangenheit für eine Lockerung der gesetzlichen Regelungen in Deutschland plädiert, zugleich aber betont, dass er an den strengen gesetzlichen Grenzen für die Biotechnologie in Deutschland festhalte. Regierungssprecher Béla Anda hatte im Mai erklärt, dass eine Überprüfung der Gesetze erst in zwei Jahren stattfinden solle.

Vor seiner Rede zeichnete die Universität Göttingen ihren früheren Jura-Studenten Schröder mit der Ehrendoktorwürde aus.

Damit würdige die Universität seine "Verdienste um die biologisch orientierten Naturwissenschaften" sowie die "Förderung des Dialogs um die Bioethik", sagte der Dekan der Biologischen Fakultät, Professor Gerhard Braus.

So sei Schröder maßgeblich an der Gründung des Nationalen Ethikrats im Jahr 2001 beteiligt gewesen.