Gerhard Schröder Kürzlich sprach er einem CDU-Politiker die Kanzlertauglichkeit zu

Vor einigen Monaten sprach Schröder dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet die Kanzlertauglichkeit zu. Der gehört allerdings der CDU an. Dass Schröder sich damit sogar in die Personalpolitik der Konkurrenzpartei einmischte, passt zu seiner ungebremsten Freude an der Stichelei. Es könnte aber auch damit zu tun gehabt haben, dass Soyeon Schröder-Kim für eine landeseigene Wirtschaftsförderungsgesellschaft in Nordrhein-Westfalen arbeitet. Laschet nannte Schröder-Kim mal "unsere Botschafterin in Südkorea". Sie ist aber auch Schröders fünfte Ehefrau. Und so steckt eine gewisse Logik darin, dass Laschet nun Schröders Bester in der CDU sein darf.

Der Ex-Kanzler und seine Freunde. Schröders Verhältnis zu Putin ist Gegenstand der Kritik, seit der eben erst aus dem Amt geschiedene Kanzler im Dezember 2005 Aufsichtsrat des Nordstream-Konsortiums wurde, an dem der russische Gazprom-Konzern die Mehrheit hält. Noch zwölf Jahre später taugten Schröders Geschäftsbeziehungen dazu, der SPD den Wahlkampf zu stören. Auf Bitten des Kanzlerkandidaten Martin Schulz war Schröder noch im Frühjahr 2017 auf dem Dortmunder Parteitag aufgetreten. Seine Rede wurde von Delegierten nicht enthusiastisch gefeiert, aber wohlwollend begleitet. Einige Wochen später wurde Schröder Aufsichtsrat des Öl-Konzerns Rosneft. Groß war die Aufregung, schweigsam der Kanzlerkandidat. Erst nach Tagen knurrte Schulz öffentlich: "Ich würde das nicht machen." An Schulz hat Schröder sich später einmal mit einem Wilhelm-Busch-Zitat gerächt, mit dem er Aufstieg und Fall des Kandidaten auf die Schippe nahm: "Wenn einer, der mit Mühe kaum, gekrochen ist auf einen Baum, schon meint, dass er ein Vogel wär, so irrt sich der."

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Wenn er an Putins Politik etwas auszusetzen habe, teile er das dem Präsidenten persönlich mit, sagt Schröder immer wieder. Dass er 2014 seinen Einfluss auf Putin für die Freilassung der OSZE-Vertreter geltend machte, ist wahrscheinlich, aber nie bestätigt worden. Nur der damalige Außenminister Sigmar Gabriel gab einmal einen Hinweis: Wenn es darum gehe, für die Freilassung deutscher Soldaten in der Ukraine zu vermitteln, sei Schröder gefragt, sagte Gabriel, für sein Engagement bei Rosneft aber werde er kritisiert.

Sicher ist, dass der Ex-Kanzler sich bei einem anderen autoritären Präsidenten maßgeblich für die Freilassung deutscher Staatsbürger einsetzte: Seit Herbst 2017 sprach Schröder wiederholt mit dem türkischen Staatschef Erdoğan, bewirkte die Freilassung Peter Steudtners und dürfte auch am Ende der Haft des Journalisten Deniz Yücel beteiligt gewesen sein.

Es scheint, mit Angela Merkel verbindet ihn inzwischen ein gegenseitiger Respekt

Schröder tut gerne so, als lasse ihn die Kritik an seinem Gebaren kalt. "Die Öffentlichkeit muss begreifen: Das ist mein Leben, nicht eures", sagte er erst jüngst dem Spiegel in einem Interview. Im Falle der Deutschen in türkischer Haft mag es ihm gleichwohl nicht unwillkommen gewesen sein, seine alten Beziehungen mal für alle sichtbar nicht für sich, sondern für andere eingesetzt zu haben.

Der Besuch bei Erdoğan erfolgte zudem im Einvernehmen mit Angela Merkel. Die Geschichte über das Verhältnis von Ex-Kanzler und Nachfolgerin ist vielleicht das prominenteste Beispiel für den ambivalenten Blick auf Schröder. Merkel hatte ihn früher vor allem für seine Qualitäten als Wahlkämpfer stets bewundert, zugleich aber seine Skrupellosigkeit gefürchtet. Als Kanzlerin nahm sie sich Schröder gelegentlich zum Vorbild, zum Beispiel bei der Entlassung von Umweltminister Norbert Röttgen, vor der sie sich genauestens darüber informierte, wie Schröder es mit seinem ersten Verteidigungsminister Rudolf Scharping gemacht hatte. Und auch wenn dieser Tage gelegentlich darüber nachgedacht wird, welche Möglichkeiten es für ein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Amt in Verbindung mit einer Vertrauensfrage geben könnte, heißt es unter Merkels Leuten mit scherzhaftem Unterton: Schlag nach bei Schröder 2005.

Im Falle der Deutschen in türkischer Haft empfing Merkel den Vorgänger im September 2017 zweimal im Kanzleramt, quasi in seinem früheren Büro. Der zweite Besuch fand kurz nach der Bundestagswahl statt, und Schröder soll Merkel angesichts des Ergebnisses süffisant und in weiser Voraussicht viel Spaß bei der Regierungsbildung gewünscht haben. Öffentlich aber beharkten sich die beiden in dieser Zeit besonders ungeniert: Schröder kritisierte das Verhalten der Kanzlerin in der Diesel-Krise, sie kritisierte ihn für seinen Posten bei Rosneft. Es spricht viel dafür, dass Merkel und Schröder trotzdem gegenseitiger Respekt verbindet, der sich aus der exklusiven Kenntnis speist, was das Amt des Kanzlers wirklich bedeutet.

Seinen Geburtstag verbringt Schröder mit seiner Frau an diesem Sonntag in der Nähe von Weimar, wo das Ehepaar Urlaub macht. Am 24. April richtet die Stadt Hannover für ihren Ehrenbürger eine Feierstunde aus. Ansonsten lässt er es jetzt mal ruhiger angehen. Zumindest an seinem Geburtstag.

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