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Gerhard Schröder:Die ungebremste Freude an der Stichelei

SC Freiburg - Hannover 96

Ex-Kanzler Gerhard Schröder: Manche verachten ihn, manche schätzen ihn, andere sind immer noch hin- und hergerissen.

(Foto: dpa)

Gerhard Schröder wird 75 - und polarisiert wie kein Ex-Kanzler zuvor. Bissige Kommentare kann er sich manchmal nicht verkneifen, zum Leidwesen seiner SPD.

Schon wieder ein besonderer Geburtstag. Ist Gerhard Schröder nicht gerade erst 70 geworden? War viel los 2014, hier ein Empfang, da eine Ehrung, dort ein Fest zu Ehren des Ex-Kanzlers. Für manche Feierlichkeit fand sich damals erst ein Termin, als der Jubilar schon auf die 71 zuging. Und wie so oft bei Schröder bot sich Anlass für Kontroversen.

Vor allem ein Fest in Sankt Petersburg erregte Anstoß, ausgerichtet von der Nord Stream AG, Ehrengast Wladimir Putin. Der ehemalige Kanzler und der amtierende russische Präsident, fotografiert in trauter Umarmung, während in der Ukraine Vertreter der OSZE, unter ihnen Soldaten der Bundeswehr, von russischen Separatisten festgehalten wurden. Fast zehn Jahre nach seinem Abschied füllte Schröder wieder einmal die Kommentarspalten. Und es war nicht das letzte Mal.

Gerhard Schröder ist mittlerweile seit bald 14 Jahren kein aktiver Politiker mehr - eine Reizfigur aber ist er geblieben, daran hat sich auch in den vergangenen fünf Jahren nichts geändert. Schröder, der an diesem Sonntag 75 wird, regt Leute auf, manche verachten ihn. Andere schätzen ihn, nicht wenige mit sentimentalem Blick auf den für lange Zeit letzten Sozialdemokraten, der in der Lage war, das Kanzleramt zu erobern. Und einige sind einfach hin- und hergerissen. Seine Nachfolgerin gehört inzwischen wohl zu dieser Gruppe.

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Kein ehemaliger Kanzler hat auch in der Zeit nach dem Amt so polarisiert wie der Mann aus Hannover. Willy Brandt und Helmut Schmidt wurden überparteilich geachtet, selbst bei Helmut Kohl überwog am Ende der Respekt für den Kanzler der Einheit bei Weitem die Kritik an der nie ganz aufgeklärten Spendenaffäre. Sie alle, die als Aktive ordentlich auszuteilen wussten, aber auch auszuhalten hatten, standen danach für die Fähigkeit der Demokratie zu Versöhnlichkeit. Schröder nicht. Oder doch wenigstens ein bisschen?

Das öffentliche Bild Schröders bleibt ambivalent. Das beginnt schon in seiner eigenen Partei, der SPD, der er 1963 beitrat. Da war Olaf Scholz fünf und Andrea Nahles noch nicht geboren. Ungebrochen ist die Dankbarkeit in der SPD - und weit darüber hinaus - für Schröders Nein zum Irakkrieg und den damit verbundenen Bruch mit George W. Bush. Dafür vermisst Schröder selbst heute in der SPD - und darüber hinaus - ein härteres Auftreten gegen die US-Regierung von Donald Trump und vor allem gegen deren Versuche, Deutschland in außenpolitischen und wirtschaftlichen Fragen zu bevormunden.

Auf bissige Kommentare kann er manchmal nicht verzichten

Die Deutung, Schröders Reformpolitik sei Ausgangspunkt des Niedergangs der Sozialdemokratie, ist mittlerweile Mehrheitsmeinung, zumindest unter den Funktionären. Schröder selbst vertritt die Position, die SPD habe sich nicht durch die Politik der Agenda 2010 für viele Wähler unattraktiv gemacht, sondern weil sie hinterher nicht dazu gestanden habe. Immer mal wieder weist er darauf hin, dass das Ergebnis bei seiner Abwahl 2005 immer noch deutlich besser war als alle Resultate von SPD-Kanzlerkandidaten seither. So etwas sagt er gerne in Sätzen, die er mit "übrigens" beginnt, was nebensächlich klingen soll, tatsächlich aber der besonderen Betonung dient.

Schröder tut gerne so, als ginge ihn das alles nichts mehr an, kann aber auf bissige Kommentare manchmal nicht verzichten. Eine Zeit lang lobte er mit gönnerhaftem Gestus die politische Entwicklung von Andrea Nahles, hielt der SPD-Vorsitzenden jüngst aber Amateurfehler vor und sprach ihr Wirtschaftskompetenz ab, was gleichbedeutend war mit dem gesenkten Daumen für eine etwaige Kanzlerkandidatur. Für diese Aufgabe nannte er die Namen Olaf Scholz und Stephan Weil, wobei er auch die Hoffnung auf Sigmar Gabriel noch nicht aufgegeben zu haben scheint. Damit steht er in der Partei wieder mal da, wo es ihn häufig hin verschlägt: in der Minderheit.