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Fall Nawalny:Schröder stellt die Loyalität zu Putin über alles

Gerhard Schröder im April 2017: Was ist passiert mit einem Mann, der als Kanzler einst mutig "Mit mir nicht!" rief, als die USA in den Irakkrieg zogen?

(Foto: AFP)

Der Altkanzler desavouiert sich mit seiner Treue zum russischen Präsidenten selbst. Doch er schadet mit seinem Verhalten im Fall Nawalny auch Deutschland. Sein Weggefährte Frank-Walter Steinmeier könnte ihm Vorbild sein.

Kommentar von Stefan Braun

Gerhard Schröder will vor Gericht ziehen, und das ist sein gutes Recht. Der russische Oppositionspolitiker Alexey Nawalny hat den Altkanzler in der Bild-Zeitung nicht nur als "Laufburschen" Wladimir Putins bezeichnet. Nawalny hat das auch noch mit dem Vorwurf verbunden, Schröder habe aus Moskau "verdeckte Zahlungen" erhalten.

Dieser Vorwurf tut weh. Er ist von Nawalny bislang nicht belegt worden, und Schröder konnte in der Bild dazu nicht Stellung nehmen. Deshalb kommt nicht seine Ankündigung juristischer Schritte überraschend - der Verzicht darauf wäre die eigentliche Überraschung gewesen. So etwas mag sich der Altkanzler nicht nachsagen lassen. So weit, so nachvollziehbar.

Gar nicht mehr nachvollziehbar und extrem schmerzhaft aber ist, dass der einst beliebte und, ja, auch hoch angesehene Schröder offenbar jedes Gespür für seine Rolle und Verantwortung als ehemaliger Kanzler verloren hat. Anscheinend erschüttert es ihn nicht, dass Nawalny Opfer eines feigen Anschlags geworden ist, und zwar im Land seines Freundes Wladimir Putin. Es berührt ihn offenkundig kein bisschen, dass der deutsche Generalbundesanwalt einen Auftragsmord im Berliner Tiergarten russischen Staatsdienern zuschreibt. Es scheint ihn nicht zu stören, dass Russland 2014 die Krim annektiert hat. Und es ändert seine Haltung zu Wladimir Putin auch nicht, dass aggressive Hackerangriffe auf Regierung und Bundestag - auch das die Überzeugung des Generalbundesanwalts - auf russische Hacker zurückgehen.

Was ist passiert mit einem Mann, der als Kanzler einst mutig "Mit mir nicht!" rief, als die Vereinigten Staaten in den aus seiner Sicht völkerrechtlich inakzeptablen Irakkrieg zogen? Beantworten kann diese Frage am Ende nur er selber.

Was sich aber mit aller Klarheit zeigt, ist die Tatsache, dass Schröder in Worten und Taten längst seine Loyalität zu Putin über seine Loyalität zu demokratischen und völkerrechtlichen Werten stellt. Damit desavouiert er sich zuallererst persönlich, aber er schadet auch Deutschland. Im Fall Nawalny tut er dies durch die Erklärung, ihm würden nach wie vor Fakten fehlen und unzweideutige Beweise. Damit spielt er genau den Verschleierungskünstlern im Kreml in die Hände, die seit Jahren nach ebendiesem Muster immer wieder Zweifel säen und auf Verwirrung setzen, um die eigene Schuld zu verheimlichen.

Es ist ein Trauerspiel, dass ein Altkanzler dieser Republik nicht die Courage hat, nach all den politischen Verwerfungen sein Engagement für russische Öl- und Gaskonzerne zu kündigen. Und es ist nachgerade eine Ironie der Geschichte, dass Schröder in seiner unbedingten Loyalität zu Putin ausgerechnet an die Männerloyalitäten eines Helmut Kohl im CDU-Spendenskandal erinnert.

Dass es auch anders geht, hat Schröders einstmals engster Mitarbeiter Frank-Walter Steinmeier bewiesen. Auch er glaubte mal an eine deutsch-russische Freundschaft. Sein Kumpel hieß Sergej Lawrow, und seine Hoffnung auf besondere Beziehungen währte lange. Dann aber annektierte Russland die Krim, und Steinmeier flog in die Schweiz, um den Außenminister (und Moskau) zur Vernunft zu bringen. Doch als Lawrow zum Start ihres Treffens in einem Genfer Hotel mit Wodka auf ihre Freundschaft anstoßen wollte, stand Steinmeier nur noch eines ins Gesicht geschrieben: Ekel und Entsetzen. Auch so kann eine Reaktion aussehen.

© SZ vom 09.10.2020/liv

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