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Schröder im Visier der NSA:Rätselraten um die NSA-Abhörkarteien

Eine Kopie des einschlägigen Snowden-Dokuments, der Abhörkartei Merkels, liegt der Bundesanwaltschaft vor. Der Spiegel, der als Erster über die Lauschaktion berichtete, hatte sie der Bundesregierung zur Prüfung ausgehändigt, Berlin reichte das Dokument an die Ermittler weiter.

Das Problem ist nur: Weder die Bundesanwaltschaft noch andere deutsche Spezialisten hatten jemals zuvor eine solche Karte der NSA gesehen. Als "Subscriber" (Anschlussinhaberin) steht auf dem offenbar vor einigen Jahren erstellten Dokument "GE Chancellor Merkel".

Dazu passte die korrekte Handynummer, die auch vermerkt war. Unter dieser Nummer hatte sie vor allem mit Parteifreunden und Vertrauten kommuniziert. Und weil das Jahr 2002 auf der Karte stand, schien klar zu sein, dass Merkel bereits als Oppositionsführerin abgehört worden war. NSA-Insider lesen das Dokument anders. Das Abhörprogramm galt nicht der Person, sondern der Funktion. Und 2002 war Schröder Kanzler.

Es wäre auch zu merkwürdig gewesen: Als CDU-Vorsitzende und Fraktionschefin im Bundestag war Merkel eine treue Freundin der Amerikaner. Vor dem Irakkrieg votierte sie für unverbrüchliche Treue. Ihr Verhältnis zu dem damaligen US-Präsidenten George W. Bush galt als außerordentlich gut.

Schröder fand Bush auch nicht unsympathisch. Als fast alle in Deutschland den SPD-Kanzler schon abschrieben, hatte Bush erklärt, der Schröder sei wie ein Rodeo-Reiter. Ein zäher Bursche also. Den dürfe man nicht einfach abschreiben. So ähnlich sah Schröder sich auch.

Geschichten und Anekdoten helfen der Bundesanwaltschaft nicht weiter. Die Ermittler brauchen Fakten. Das Prinzip solcher Abhörvorgänge ist ihnen durchaus vertraut. Fast alle Geheimdienste arbeiten mit Karten. Bei der Stasi hieß das System "Zielkontrolle" und bei dieser Kontrolle war auf Zehntausenden Karten geregelt, welcher Prominente in Deutschland abgehört werden sollte.

Beim Bundesnachrichtendienst (BND) gibt es "Steuerungsaufträge". Prominente im Ausland, die abgehört werden, bekommen einen Decknamen.

Von den Lauschangriffen auf die Kanzlerin soll es angeblich keine Protokolle geben. NSA-Insider behaupten, der Ertrag der Abhöraktion bei Merkel sei "nahe null gewesen", aber Washington schweigt weiter über das Ausmaß.

Die Kanzlerin ist sauer. Das Handy, das offenbar abgehört wurde, hat sie nicht an die deutschen Dienste zur Prüfung herausgegeben. Ein neues Handy mag sie nicht nutzen, weil sie dann das alte abgeben müsste - zu viel Risiko, überall.

© SZ vom 05.02.2014/fie
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