Schriftsteller Antonio Skármeta:"Erwachsene Auswanderer werden zu Waisenkindern"

sueddeutsche.de: Ihr literarisches Alter Ego, dem das Einleben in Deutschland trotz anfänglicher Mühe gelingt, ist Lucho, der 14-jährige Held Ihres Jugendromans Nixpassiert: Warum greifen Sie bei der Thematisierung der Emigration so gerne auf jugendliche Protagonisten zurück?

Antonio Skármeta

Skármetas neuer Roman, der bereits in Spanien, Frankreich und Portugal erschienen ist, wird in Deutschland im Frühjahr unter dem Titel Ein Vater aus Paris veröffentlicht. Darin wird ein chilenischer Familienvater, der vor Jahren aus Frankreich auswanderte, von seiner politischen Vergangenheit eingeholt.

(Foto: Katarina Lukac)

Skármeta: Die Jugend besitzt zwei Stärken, die uns Erwachsenen mit der Zeit unweigerlich abhandenkommen: Idealismus und geistige Flexibilität. Auch mein neuer Roman Mein Vater aus Paris handelt von Erwachsenen, die fern ihrer Heimat zugrunde gehen - wegen ihrer verlorenen Ideale, ihrer Armut und ihrer Unsicherheit. Am Boden zerstörte Eltern verwandeln sich in eine Art Waisenkinder. Hier kommt es zu einer bemerkenswerten Umwandlung: In Auswandererfamilien - und ich glaube, dass das auch in Deutschland der Fall ist - müssen Kinder oft die Rolle ihrer eigenen Eltern übernehmen. Sie sind dann die Eltern ihrer eigenen Eltern. Auch mir haben damals das, was ich über Deutschland nicht begreifen konnte, meine eigenen Kinder beibringen müssen.

sueddeutsche.de: Sofern Eltern sich auf den Einfluss ihrer Kinder einlassen, insbesondere wenn sie aus einer patriarchalischen Gesellschaft kommen.

Skármeta: Diese patriarchalischen Strukturen sind auch in Lateinamerika noch verbreitet. Deshalb behandelt die Literatur unseres Kontinents mit Vorliebe zwei Vater-Typen: Einmal den schwachen Vater, der Versuchungen schnell nachgibt und die Familie im Stich lässt. Auf der anderen Seite steht der autoritäre Erzieher, der strenge, unüberwindbare Regeln setzt - solch ein Autoritarismus führt zu Menschen wie Pinochet, zu Gewaltherrschern - und letztlich auch zu den berümten Diktatorenromanen der siebziger Jahre. Der Schaden, den Autokratie einer Gesellschaft zufügt, ist ein großes Thema der Literatur, etwa bei den Literaturnobeltreisträgern García Márquez und dem jüngst ausgezeichneten Vargas Llosa.

sueddeutsche.de: Ist die Gefahr vor Diktaturen in Lateinamerika gebannt?

Skármeta: Heute haben sich in Lateinamerika demokratische Republiken etabliert. Selbsternannte Erleuchtete, messianische Führerfiguren sind glücklicherweise aus der Mode.

sueddeutsche.de: Wenn man sich das Gebaren des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez oder seines bolivianischen Kollegen Evo Morales ansieht, könnte man einen anderen Eindruck gewinnen.

Skármeta: Ich stimme Ihnen zu, dass Chávez extrem viel Macht angehäuft hat. Doch beide wurden demokratisch gewählt, sie sind keine Gewaltherrscher. Gerade in Bolivien muss Morales gegen starke Widerstände in der Opposition ankämpfen, was sich positiv auf die demokratische Kultur des Landes auswirkt. Die Politik des Autoritarismus führt immer in ein Scheitern und in eine Katastrophe.

sueddeutsche.de: Als Botschafter in Berlin waren Sie selbst politisch tätig. Warum wurden ausgerechnet Sie als Schrifsteller für diese Aufgabe ernannt?

Skármeta: Ich war schon immer Demokrat. Während der Pinochet-Diktatur habe ich in meinem Fachgebiet - der Literatur - den Widerstand in Chile unterstützt. Etwa indem ich jungen chilenischen Schriftstellern zu Stipendien oder Veröffentlichungen verhalf. Es handelte sich also um keine lodernden Aktionen, sondern darum, ein demokratisches Bewusstsein zu schaffen.

sueddeutsche.de: Geholfen hat womöglich auch, dass Sie in Ihrer Heimat ein Fernsehstar waren.

Skármeta: Dank der TV-Sendung El show de los libros, die ich nach dem Ende der Diktatur in Chile auf die Beine gestellt hatte. Als ich aus Deutschland zurückkam, war alles Schöne aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden: Gute Filme, das Theater, die Literatur spielten in den Medien keine Rolle, überall war Banales, Hässliches, Dummes, es ging nur um Konsum. Nach der Diktatur hatten die Menschen Angst vor allem, was sie nicht verstanden. Da war es meine Form der politischen Arbeit: eine Sendung aufzubauen, die nach den Gesetzen der Medien gar nicht funktionieren durfte - doch dann lief sie zehn Jahre lang mit großem Erfolg.

sueddeutsche.de: Auch in Ihren Romanen vermischen Sie immer wieder Hoch- und Populärkultur, neben den großen Menschheitsfragen finden sich Verweise auf Fußball, Comics, Pop-Musik.

Skármeta: Ich liebe den Funken, der ensteht, wenn die klassische Kultur und die Subkultur sich aneinander reiben. Es gab da einen Schlüsselmoment in meiner Schulzeit, während einer Aufführung von Romeo und Julia. In einer Szene liegt Romeos bester Freund Mercutio nach einem Duell im Sterben. Als Romeo ihn fragt, ob die Wunde groß sei, antwortet Mercutio: "Nicht so tief wie ein Brunnen, noch so weit wie eine Kirchentüre, aber es reicht eben hin. Fragt morgen nach mir, und ihr werdet einen stillen Mann an mir finden." Dass Shakespeare ausgerechnet einem jungen Burschen in diesem Moment derartige Wörter und Bilder in den Mund legt - welch würdevolle Art zu sterben!

sueddeutsche.de: In Ihrem Welterfolg Mit brennender Geduld (Der Briefträger von Neruda) wiederholt der Dichter kurz vor seinem Tod Mercutios Worte.

Skármeta: In diesem Roman, in dem ein einfacher Briefträger und ein hochgebildeter Schriftsteller, die poetische und die bäuerliche Liebe zusammenkommen, ist der Funken auf das Publikum übergesprungen.

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