Süddeutsche Zeitung

Schmutzige Bombe:Warum viele lernten, die Bombe zu lieben

Die Angst vor Nuklearwaffen in den Händen von Extremisten ist groß, dabei gibt es kaum waffenfähiges Spaltmaterial - die Gefahr lauert anderswo.

H. Leyendecker

Früher war Nuklearschmuggel ein anderes Wort für Weltuntergang. Anfang der neunziger Jahre listeten diverse Geheimdienste seitenweise die diversen Gefahrenherde auf: Waffenfähiges Spaltmaterial vagabundierte in Russland, skrupellose Atomschmuggler aus den Reihen der Generalität schlachteten sogar U-Boot-Reaktoren aus, korrupte Atomwissenschaftler ließen sich von Schurkenstaaten abwerben. Überall war Endzeit. Weltweit gab es eine Riesenaufregung, als 1994 in einer Garage im südbadischen Tengen-Wiechs sechs Gramm waffenfähiges Plutonium entdeckt wurden: Vor einem "Quantensprung mit schwer kontrollierbaren Folgen" warnte der BND.

Nun ist es bekanntlich so, dass der aus der Atomphysik stammende Begriff Quantensprung eigentlich keinen Superlativ meint, sondern das Gegenteil davon - der Quantensprung ist winzig und läuft in sehr kurzer Zeit ab.

Ein bisschen ist das auch so mit allzu schrillen Warnungen vor der totalen Gefahr. Dubiose Geschäftsleute boten vor anderthalb Jahrzehnten ungefährlichen Atomtrödel zu Phantasiepreisen an, und staatliche Hehler bedrängten sie nimmermüde, den richtigen Stoff herbeizuschaffen. Daraus entstanden dann wieder Berichte über die drohende Apokalypse. Die staatlichen Warnungen vor der drohenden nuklearen Katastrophe wurden dann allerdings seltener, als islamistische Fundamentalisten als neue Gefahr Nummer eins für den Weltfrieden entdeckt wurden.

Es bleiben drei Phänomene: Die Bombe bleibt ein Prestigeobjekt; einige Staaten versuchen mit (fast) allen Mitteln, an atomwaffenfähiges Spaltmaterial zu gelangen. Es gibt einen echten Schwarzmarkt für Nuklearmaterial, und die Terrorholding al-Qaida interessiert sich für den Stoff. Andererseits haben sich die Katastrophen-Szenarien nicht bestätigt, Terroristen seien nach den Wirren bei der Auflösung der Sowjetunion an Mengen von Nuklearmaterial geraten.

Die größte reale Gefahr ging, so schien es, in den vergangenen Jahren von dem "Vater der pakistanischen Atombombe" aus, von Abdul Qadeer Khan. Khan und seine Helfer belieferten skrupellose Diktatoren mit Material und nuklearem Know-how. Bei Lichte betrachtet war aber auch in seinem Fall das gefühlte Risiko größer als die reale Bedrohung. Sein Netzwerk war früh in das Blickfeld der Geheimdienste geraten. Einige seiner Helfer operierten wie Agenten für die Nachrichtendienste. Die Einschätzung, welche Gefahr echt und welche übertrieben ist, basiert aber nicht auf Wahrscheinlichkeitsrechnungen, sondern auf den jeweiligen Feindbildern. Manches spricht dafür, dass die "schmutzige Bombe", vor der früh gewarnt wurde, immer noch die größte aktuelle Gefahr darstellt. Für die Beschaffung des Materials braucht es keinen Händlerring vom Kaliber der Khan-Gruppe.

Nach Erkenntnissen der internationalen Atombehörde IAEA ist in fast jedem Staat der Erde das zum Bau einer schmutzigen Bombe notwendige radioaktive Material vorhanden. In Verbindungen mit konventionellen Sprengstoffen wie TNT oder einer Mischung aus Heizöl und Kunstdünger könnten sie brandgefährliche Waffen sein.

Verheerend wäre nach allen vorliegenden Studien die Freisetzung von pulverisierten radiologischen Stoffen. Bei der Explosion einer Bombe mit pulversiertem Cäsium 137 etwa würde eine Fläche von 800 Quadratkilometern verseucht.

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Quelle:
SZ vom 13.04.2010/segi
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