Verwirrspiel um radioaktive Bombe:Ukraine reagiert empört auf Moskauer Vorwürfe

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Verwirrspiel um radioaktive Bombe: Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij weist die Vorwürfe aus Russland zurück, die Ukraine plane den Einsatz einer schmutzigen Bombe.

Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij weist die Vorwürfe aus Russland zurück, die Ukraine plane den Einsatz einer schmutzigen Bombe.

(Foto: Ukrainischer Präsidentenpalast/dpa)

Moskau behauptet, die Ukraine plane den Einsatz einer atomar angereicherten Bombe. Kiew und der Westen weisen dies entschieden zurück. Welche Absicht verfolgt der Kreml mit dem Vorwurf?

Von Nicolas Freund

Es ist unklar, was Sergej Schojgu bezwecken wollte: Der russische Verteidigungsminister hatte am Sonntag bei einem Rundruf seinen Amtskollegen in Frankreich, Großbritannien, den USA und der Türkei gegenüber behauptet, die Ukraine plane auf ihrem Staatsgebiet die Detonation einer mit radioaktivem Material angereicherten Bombe. Frankreich, Großbritannien und die USA haben Schojgus Anrufe in einer gemeinsamen Antwort als russischen Versuch bezeichnet, einen Vorwand für weitere Eskalationen zu schaffen. Auch nach diesem Statement beharrte der Kreml am Montag auf seinen Vorwürfen und kündigte an, den Fall vor die Vereinten Nationen bringen zu wollen. Der Leiter der russischen nuklearen, biologischen und chemischen Schutztruppen, Generalleutnant Igor Kirillow, sagte am selben Tag in einem Medienbriefing, Russland habe seine Streitkräfte vorbereitet auf den Einsatz unter Bedingungen radioaktiver Strahlung.

Auch der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba hatte bereits am Sonntag die Anschuldigungen zurückgewiesen. "Die Russen beschuldigen andere oft dessen, was sie selber planen", sagte er in Kiew. Kuleba twitterte außerdem, die Internationale Atomenergiebehörde würde nach Absprache mit ihm Experten in die entsprechenden Anlagen schicken, um zu belegen, dass dort nicht an Bomben gearbeitet würde.

Zwietracht säen, Angst verbreiten, ablenken

Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij wies die Anschuldigungen in seiner täglichen Ansprache ebenfalls entschieden zurück. Russland sei es, das in dem Krieg Phosphormunition und geächtete Waffen einsetze und gezielt die zivile Infrastruktur angreife. Wenn jemand in diesem Teil Europas Atomwaffen einsetze, dann könne das nur Russland sein. Möglicherweise sei ein solcher Angriff mit einer sogenannten schmutzigen Bombe von Russland längst vorbereitet, so Selenskij.

Für die Behauptung von Kuleba und Selenskij, Russland plane möglicherweise selbst den Einsatz einer solchen Bombe, um dann danach die Ukraine zu beschuldigen, gibt es derzeit keine Hinweise. Schojgus Anrufe könnten lediglich der plumpe Versuch gewesen sein, einen Keil zwischen Kiew und den Westen zu treiben. Oder Moskau wollte ein neues Horrorszenario in die Welt setzen, um nach den Atomdrohungen erneut Panik im Westen schüren.

Womöglich wollte der Kreml auch nur von der Lage in der besetzten Stadt Cherson ablenken, wo seit einigen Tagen ein russischer Rückzug laufen soll. Die Großstadt im Süden der Ukraine war zu Kriegsbeginn praktisch widerstandlos von russischen Truppen eingenommen worden, seit einigen Monaten versucht die ukrainische Armee aber mit anhaltenden Angriffen auf Versorgungslinien, die Besatzer zum Rückzug zu zwingen.

Allerdings teilte der ukrainische Militärgeheimdienst HUR am Montag mit, die russischen Truppen würden eine Verteidigung der Stadt vorbereiten. Zudem wurde gemeldet, dass in Cherson eine Miliz aufgestellt werden soll. "Die russischen Besatzer erwecken nur die Illusion, dass sie Cherson verlassen", sagte Generalmajor Kyrylo Budanow, der Leiter des Dienstes, der Zeitung Ukrajinska Prawda.

Das andere aktuelle Drohszenario des Kreml, die Sprengung des Kachowka-Staudamms und Überflutung von Teilen Chersons, sieht er nicht als großes militärisches Problem. Es drohe zwar eine Umweltkatastrophe, der ukrainische Vormarsch würde dadurch laut Budanow aber nur verzögert. "Etwa zwei Wochen oder so", sagte er.

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