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Schleckerfrauen zu Erzieherinnen:Ringelreihen in der Schlecker-Kita

Die Not muss groß sein. Sonst würden von der Leyen und Schröder nicht erst nach den Hartz-IV- jetzt auch die Schleckerfrauen zu Erzieherinnen umschulen wollen. Dolle Idee! Vielleicht sollten die beiden Ministerinnen mit gutem Beispiel vorangehen. Die Agentur für Arbeit hält sicher ein paar interessante Angebote für sie parat.

Thorsten Denkler, Berlin

Auf Twitter gibt es einen wunderbaren Hashtag. Er lautet #facepalm und bedeutet nichts anderes, als sich spontan mit der flachen Hand vor den Kopf zu schlagen. Exakt diese Handbewegung dürften die Ministerinnen Ursula von der Leyen (Arbeit, CDU) und Kristina Schröder (Familie, CDU) mit ihrem jüngsten Vorschlag provozieren. Angefangen hat ausnahmsweise von der Leyen mit der lustigen Idee, das Heer von bald arbeitslosen Schleckerfrauen zu Erzieherinnen umzuschulen. Schröder setzte dann nach, sie fände die Idee, die mal wieder nicht von ihr kommt, richtig klasse. Unter "diesen lebenserfahrenen Frauen" seien sicher viele, die sich "mit Freude und Engagement" einer solchen Aufgabe widmen wollen.

Kostenfaktor Erzieherinnen

Proteste von Schlecker-Frauen vor dem Wirtschaftsministerium in Dresden: Sie fordern von der Regierung ein Umdenken

(Foto: dpa)

Schade, dass die Satiresendung heute-show im ZDF gerade Sommerpause hat. Es gäbe keinen Besseren als den Brüll-Kommentator Gernot Hassknecht, diesem Irrwitz mit den passenden Worten zu begegnen. Dies ist ein seriöses Online-Medium, da geht das nicht. Aber jeder darf sich jetzt Hassknecht in Rage vorstellen.

Gut möglich, dass Schlecker-Verkäuferinnen durch die Bank verkannte Erzieherinnen sind. Vielleicht sind sie alle nur aus Versehen in diesen dunklen, abweisenden Schleckerfilialen gelandet und haben sich dort dann jahrelang von Vorgesetzten erniedrigen, ausspionieren und von Räubern ihre Filialen ausrauben lassen, in denen sie immer alleine gestanden haben. Und immer dachten sie, das sei alles ein schlechter Traum. Immer schon wollten sie lieber mit Kindern arbeiten, als mit Tampons, Duschbad und Klopapier zu handeln. Ringelreihen in der Schlecker-Kita, das wäre ihr Traum.

Einfach nett zu sein, reicht nicht

Es mag Schleckerfrauen geben, die ihren Beruf ehrlich geliebt haben. Die meisten aber nehmen solche Jobs bei Ausbeutern an, weil sie kaum eine Alternative haben. Mit einem mäßigen Schulabschluss sind die Aussichten einfach mager. Knapp 60 Prozent der Verkäuferinnen und Verkäufer im Einzelhandel haben einen Hauptschul- oder gar keinen Abschluss.

Ministerinnen Kristina Schröder und Ursula von der Leyen

Ministerinnen Kristina Schröder und Ursula von der Leyen (r., Archiv): Interessante Angebote von und für die Agentur für Arbeit

(Foto: Reuters)

Anders gesagt: Diejenigen unter den Verkäuferinnen und Verkäufern, die hätten Erzieher werden wollen, hätten keine Chance gehabt. Dort wird wenigstens die mittlere Reife verlangt. Der Notenschnitt sollte auch da nicht unter drei liegen.

Aber wahrscheinlich meinten von der Leyen und Schröder auch gar nicht, die Schleckerfrauen jetzt in eine zweijährige Umschulung zur Erzieherin zu schicken. Sie haben etwas ganz anderes vor Augen. Billiger als Erzieher auszubilden, ist nämlich, aus Schleckerfrauen Tagespflegemütter zu machen. Ein Sechs-Wochen-Kurs reicht und schon dürfen sie auf die Kleinen losgelassen werden. Das passt zum Vorschlag von Schröder, Hartz-IV-Empfänger umzuschulen.

Niemand will den Frauen und Männern bei Schlecker oder in Hartz IV unterstellen, dass sie Kinder schlecht behandeln. Unter ihnen sind sicher viele gute Mütter und Väter.

Aber Mutter, Vater - oder einfach irgendwie nett zu sein - reicht eben nicht aus. Die Debatte ist schon viel weiter. Die Forderung lautet, mindestens Fachhochschulreife vorweisen zu können um an einer Fachhochschule den Erzieherberuf studieren zu können.

Vor allem Schröder hat im Moment offenbar nur eines im Sinn. Die Zahl der Betreuungsplätze so schnell es geht hochzuschrauben. Zigtausende Plätze fehlen noch. Vor allem, weil es an Personal fehlt. Fast unmöglich, dass der Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz für unter Dreijährige ab 1. August 2013 umgesetzt ist. Es wird eine Klagewelle zu Lasten der Kommunen geben. Schröder will verhindern, dass daraus ein Tsunami wird, der auch sie kurz vor der Bundestagswahl hinwegspült.

Wer glaubt, Schleckerfrauen könnten von heute auf morgen Erzieherinnen werden, der glaubt auch, Bergarbeiter könnten Versicherungsverkäufer oder Steinmetze Hebammen werden. Wenn sie das beweisen wollen, können von der Leyen und Schröder gerne vorangehen. Die Agentur für Arbeit hält da sicher ein paar interessante Umschulungen für sie bereit. Gabelstaplerfahrer vielleicht? Oder Bienenzüchter? Sie haben die freie Wahl.

© Süddeutsche.de/lala

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