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Kalter Krieg:Wie die CIA den Roman "Doktor Schiwago" zur Waffe machte

Giangiacomo FELTRINELLI mit Ausgabe von 'Doktor Schiwago'

Der Mann, der das Buch bekannt machte: Giangiacomo Feltrinelli 1958.

(Foto: Keystone)

Der amerikanischen Geheimdienst verhilft dem vor 60 Jahren verstorbenen Sowjetbürger Boris Pasternak zu Nobelpreis und Weltruhm. Rückblick auf ein besonderes Husarenstück des Kalten Krieges.

Von Willi Winkler

Es ist eine alte Buchklubausgabe, fleckig am Schnitt, der Rücken brüchig, viel zu viele Zeilen auf der Seite, aber die Bittersüße hat sich über die Jahrzehnte vollständig erhalten: "Eines Tages ging sie aus dem Haus und kam nicht mehr zurück. Vielleicht wurde sie von der Straße weg verhaftet. Sie starb oder verschwand irgendwo, eine beliebige Nummer in einer verschollenen Liste, in einem der zahllosen Frauen- oder Gemeinschaftslager des hohen Nordens."

Doktor Schiwago trauert um seine Lara, und der Leser mit ihm. Der gleichnamige Roman Boris Pasternaks erschien 1957 zuerst auf Italienisch und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt, prächtig verfilmt mit Omar Sharif und Julie Christie, nur im russischen Original war er nicht zu haben.

Pasternak hatte viele Jahre an dem Buch geschrieben, das seinem Arzt durch die Wirren der Oktoberrevolution folgt, die große Liebe finden und wieder verlieren lässt. Als das Manuskript vollendet war, wurde es von der sowjetischen Literaturbürokratie wegen mangelnder ideologischer Festigkeit abgelehnt; "Doktor Schiwago" durfte in der Sowjetunion nicht erscheinen.

In der Prawda fand sich ein schneidend formuliertes Gutachten: "Ein erboster Spießer hat seiner rachsüchtigen Gereiztheit freien Lauf gelassen. Pasternaks Roman ist minderwertige reaktionäre Publizistik ohne literarische Qualitäten."

Ein italienischer Verleger wird mit diesem Buch reich werden. Und aus der Partei fliegen

Wie aber gelangte das unbekannte Werk in den Westen und warum erhielt der Autor sogleich den Literaturnobelpreis? Es war das Wirken zweier erbitterter Feinde: der Kommunistischen Partei Italiens (PCI) und der CIA.

Sergio D'Angelo, der Leiter der PCI-Buchhandlung in Rom, wurde 1955 von seiner Partei nach Moskau geschickt, wo er das italienisch-russische Rundfunkprogramm betreuen sollte. Vorher traf er sich mit einem Parteifreund, dem Verleger Giangiacomo Feltrinelli, und verabredete mit ihm, den Verlag auf interessante russische Autoren hinzuweisen.

In Moskau hört D'Angelo von einem unveröffentlichten Roman und besucht den berühmten, aber weitgehend isolierten Schriftsteller, der ihm das Manuskript seines Romans mit einem Seufzer überlässt: "Ich lade Sie schon jetzt zu meiner Erschießung ein."

Um sein Visum zu erneuern, muss D'Angelo nach Berlin, in die Welthauptstadt des Kalten Krieges, wo er sich mit Feltrinelli trifft, der das Manuskript in Empfang nimmt und sofort übersetzen lässt. Ein Welterfolg bahnt sich an, und bereits ein Jahr nach dem Erscheinen erhält Boris Pasternak den Literaturnobelpreis. Er wird nicht erschossen, doch auf Geheiß der Behörden muss er die Annahme verweigern.

Nur wenige Tage nach dem Erscheinen von "Doktor Schiwago" befasst sich die CIA, der Auslandsgeheimdienst der USA, mit dem Buch. Literatur ist für die CIA eine viel zu ernste Angelegenheit, um sie den Kritikern zu überlassen. Bücher, so lautet eine interne Dienstanweisung, "sind die wichtigste Waffe in der strategischen Propaganda". In den Nachkriegsjahren ist es gelungen, zehn Millionen Bücher und Zeitschriften mit Werken von James Joyce bis George Orwell hinter den Eisernen Vorhang zu schaffen.

In einer Kurzrezension wird "Doktor Schiwago" als "philosophischer Roman" eingeschätzt; dass er auch "antikommunistisch" ist, schadet ihm im Westen nicht weiter. "Doktor Schiwago sollte in möglichst vielen Übersetzungen erscheinen", heißt es im Gutachten, "um in der freien Welt für so viel wie möglich Diskussion und Anerkennung zu sorgen und damit für Ehrungen wie den Nobelpreis in Betracht zu kommen."

Für das Komitee in Stockholm fehlt aber eine wichtige Voraussetzung: Der Roman musste in der Originalsprache vorliegen, also auf Russisch. Über den britischen Geheimdienst MI6 kann sich die Sowjetabteilung der CIA einen Mikrofilm des Manuskripts verschaffen, lässt es in Amerika erfassen und in den Niederlanden in einer Auflage von tausend Exemplaren drucken. In Brüssel findet 1958 die Expo statt, die erste Weltausstellung nach dem Krieg, in der sich 44 Länder mit ihren technischen und kulturellen Leistungen präsentieren können.

Die Sowjetunion verfügt über den größten Pavillon, der der USA ist etwas kleiner, und sehr viel kleiner ist jener des Vatikans, der nicht weiter überraschend "Civitas Dei" heißt. Dieser Gottesstaat wird für ein diplomatisch heikles Manöver eingespannt: Neben einer Schweigekapelle, in der an die verfolgten Christen gedacht wird, werden die kostbaren Exemplare des verbotenen Romans an Besucher aus der Sowjetunion verschenkt. Nicht alle sind linientreu, aber alle an diesem Buch interessiert, das ihnen bisher vorenthalten worden ist.

Feltrinelli wurde von der PCI gerügt und verließ die Partei, doch durch "Doktor Schiwago" wurde er sehr reich. Boris Pasternak erhielt den Nobelpreis für Literatur und die CIA nie genug Anerkennung für ihre hingebungsvolle Kulturarbeit.

© SZ vom 18.04.2020/odg
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