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Schiiten im Irak:"Wir kämpfen für unseren Glauben"

Maitham al-Zaidi mag nicht, wenn man von Milizen redet, er spricht lieber von den Volksmobilisierungs-Einheiten. "Wir verteidigen nicht nur uns, wir schützen die ganze Welt vor dem Bösen", sagt er. Und dass Großayatollah Sistani das Prinzip der Herrschaft des Rechtsgelehrten ablehne, das in Iran alle Macht dem Obersten Führer vorbehält. Soll heißen, die 6000 Mann, die al-Zaidi kommandiert, hören nicht auf Befehle aus Teheran. "Wir stehen unter dem Schirm des Verteidigungsministeriums", sagt er - was aber nicht gerade nach einer militärischen Befehlskette klingt.

Vom Mardscha, der Quelle der Nachahmung, redet der Kommandeur, ein kleiner, kräftiger Mann mit sanfter Stimme, wenn er Sistani erwähnt. Schiiten folgen einem Großayatollah, der autoritativ den Koran auslegt. Mit jeder Glaubensfrage, die sich aus dem Alltagsleben ergibt, können seine Anhänger bei ihm Rat suchen. Beantwortet werden sie mit Rechtsgutachten, Fatwas, die auch im Internet nachzulesen sind.

Ob Katzenhaare auf der Kleidung das Gebet ungültig machten, will einer wissen - was der Ayatollah verneint. "Dürfen wir Öl in der Zubereitung unserer Speisen oder anderweitig verwenden, das von Fischen stammt, die uns verboten sind?", fragt ein anderer - in Speisen nicht, zu anderen Zwecken schon, wird ihm beschieden.

"Wir haben bemerkt, dass die Kämpfer des Islamischen Staates feige sind"

Der Einfluss des Mardschas auf das Leben seiner Anhänger reicht weit - erst recht, wenn es um existenzielle Fragen geht. "Wir kämpfen für unseren Glauben", sagt Maitham al-Zaidi, wenn man ihn fragt, warum seine Männer einen Feind besiegen können sollen, vor dem die irakische Armee mehr als einmal Reißaus genommen hat. "Wir haben bemerkt, dass die Kämpfer des Islamischen Staates feige sind", sagt al-Zaidi. "Sie haben moderne Waffen, aber sie laufen davon." Seine Leute dagegen verließen sich auf den Beistand Gottes - und leisteten Sistani Folge.

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"Wir waren in einem Gefecht bei Amarli", schildert er. Selbstmordattentäter, Mörsergranaten, Millionen Kugeln habe der Islamische Staat gegen sie geschickt. "Ich habe zu Gott gebetet, seine Gläubigen zu schützen, und wir haben gespürt, dass ein Geist hinter uns steht", sagt der Kommandeur - der verborgene zwölfte Imam, dessen Wiederkehr als Erlöser die Schiiten erwarten. Das habe sie in der Schlacht beflügelt, obwohl sie in der Unterzahl waren. Für sie ist es ein gerechter Kampf - wie einst der von Imam Hussein und seines Bruders Abbas. Darauf beruht der schiitische Opfermythos. Wer für den Glauben fällt, wird als Märtyrer geehrt werden.

Die Milizen gelten als kampfstarke Truppen; sie haben Tikrit befreit und kämpfen 30 Kilometer weiter um Baidschi mit seiner Raffinerie. Sie sollen nun auch helfen, den Islamischen Staat aus Anbar zu vertreiben, jener ganz überwiegend sunnitischen Provinz. "Wir werden uns daran beteiligen, wenn die Regierung uns darum bittet", antwortet Maitham al-Zaidi, wenn man ihn fragt, ob die Schiiten jetzt nicht nur ihre Schreine verteidigen, sondern auch ins Kernland der Sunniten vorstoßen wollen.

Denn die Milizen gelten auch als brutal, als undiszipliniert. Sie haben geplündert und Rachemorde verübt an Sunniten, die sie als Kollaborateure des Islamischen Staates beschuldigen. In Tikrit und anderen befreiten Orten hindern sie Sunniten an der Rückkehr. Sie wollten "das demografische Gleichgewicht in einigen Provinzen verändern", wirft ihnen ein sunnitischer Politiker aus Tikrit vor - eine deutliche Warnung, dass unter dem Vorwand des Kampfes gegen den Islamischen Staat ethnische Vertreibungen organisiert würden.

Dem Premier blieb nichts, als die Milizen zur Hilfe zu rufen

Maitham al-Zaidi weist das entschieden von sich. Der Mardscha habe befohlen, "unsere sunnitischen Brüder mit unserem Blut zu verteidigen", sagt er -"Zwischenfälle", wie er es nennt, gebe es in jedem Krieg. Tatsächlich bemüht sich Sistani um Versöhnung. Doch längst nicht alle Milizionäre hören auf ihn - und schon gar nicht auf die Regierung in Bagdad von Premier Haidar al-Abadi. Die Badr-Miliz, die Hisbollah-Brigaden, sie werden von den Revolutionsgarden in Iran gesteuert. Sie starteten die Offensive auf Tikrit. Abadi hatte keine Wahl, als sich an die Spitze der Operation zu setzen, wollte er nicht desavouiert werden.

Und nach dem schmachvollen Abzug der Armee vor dem Islamischen Staat in Ramadi blieb dem Premier nichts, als die Milizen auch im Kampf um Anbar zur Hilfe zu rufen. Maitham al-Zaidi beschwichtigt: "Wir kämpfen für ein Leben in Frieden und Freiheit und einen Irak, in dem alle Muslime zusammenleben." Er hat eine Familie, einen Beruf. Auch er ist dem Ruf des Mardschas gefolgt, aber am liebsten will er zurück in den Schrein von Abbas, zu seinem Kollegen Sayyid Muhammad. Doch die Gläubigen können sich nicht aussuchen, wie sie ihrem Gott zu dienen haben.