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Schießerei in Ottawa:Angriff auf das kanadische Herz

  • Bei einem Anschlag auf das kanadische Parlament ist am Mittwoch in Ottawa ein Soldat erschossen worden.
  • Der Attentäter lieferte sich mit den Sicherheitskräften ein Feuergefecht in den Hallen des Parlaments, bei dem der 32-Jährige schließlich ums Leben kam.
  • Die Motive des Mannes sind bisher unklar, er soll den kanadischen Geheimdiensten aber bereits bekannt gewesen sein.
  • Premierminister Harper kündigt an, sein Land werde sich von Terrorismus nicht einschüchtern lassen.

Von Johannes Kuhn, San Francisco

Die Kanadier seien so friedfertig, schwärmte der linke Filmemacher Michael Moore einmal, sie würden nicht einmal ihre Haustüren absperren. Das ist natürlich maßlos übertrieben, doch zumindest führte das Land bislang ein deutlich ruhigeres Leben als der südliche Nachbar USA, wo Terrorangst ebenso ständiger Begleiter ist wie tägliche Berichte über tödliche Schießereien.

Dieser Mittwoch wird Kanada verändern, wenn auch noch nicht absehbar ist, wie: Die Regierung spricht von "Terror", der die Hauptstadt Ottawa in Gestalt von Michael Z. heimgesucht hat. Z. hatte um kurz vor 10 Uhr morgens den Soldaten Nathan C. am "National War Memorial" von hinten erschossen.

Danach war der 32-Jährige kurz in sein Auto gestiegen und einige Meter gefahren, um sich dann zu Fuß mit seinem Gewehr auf den Weg ins nahegelegene Parlament zu machen. In den dortigen Hallen lieferte er sich ein Feuergefecht mit Sicherheitskräften, die ihn schließlich töteten.

Noch sind die Motive des Mannes unklar, die kanadischen Sicherheitsbehörden halten sich bedeckt. Die kanadische Zeitung Globe and Mail berichtet, dass Z. zum Islam konvertiert sein soll. Entsprechende Informationen bestätigten ungenannte US-Sicherheitsbeamte auch amerikanischen Medien.

Reisender mit "hohem Sicherheitsrisiko"

Die kanadischen Geheimdienste, so heißt es in der Zeitung, sollen ihn als "Reisenden mit hohem Sicherheitsrisiko" eingeschätzt und ihm deshalb vor kurzem seinen Reisepass entzogen haben. Zu seinen Vorstrafen zählten mittlere Vergehen wie Kreditkartenbetrug und Raub, die Taten liegen allerdings schon lange zurück. Auf einem mit der Terrorgruppe IS in Verbindung stehenden Twitter-Account wurde zwischenzeitlich angeblich ein Bild veröffentlicht, das Z. mit einem Gewehr zeigen soll.

Der Fall ähnelt dem jenes Mannes, der am Montag zwei Soldaten in der Nähe von Montréal absichtlich mit seinem Auto überfahren hatte. Einer der beiden erlag später seinen Verletzungen, der 25-jährige Täter selbst wurde nach einer Verfolgungsjagd von der Polizei erschossen. Der Mann soll ebenfalls ein Konvertit gewesen sein, ihm wurde beim Ausreiseversuch in die Türkei ebenfalls der Pass entzogen. Im Land wird bereits seit langem über den wachsenden Extremismus diskutiert. Bislang hat keine Terror- oder sonstige Gruppe die Verantwortung für einen der beiden Anschläge übernommen, die Frage nach Hintermännern ist ungeklärt.

"Niemals einschüchtern lassen"

In einer Ansprache an die Nation erklärte der konservative Premierminister Steven Harper, die beiden Attacken zeigten, "dass auch Kanada nicht immun gegen Terrorismus ist". Allerdings werde sich das Land "niemals einschüchtern lassen" und weiter gegen den Terror kämpfen. Kanada unterstützt traditionell die USA bei Militäreinsätzen und ist auch an der Mission gegen die Dschihadisten des "Islamischen Staats" beteiligt.

Dass Harper seine Fernsehansprache von einem unbekannten Ort in der Hauptstadt hielt, zeigt, wie ernst die Sicherheitsbehörden die Attacke nehmen. Der Politiker selbst war während des Feuergefechts im Parlamentsgebäude, wo zu diesem Zeitpunkt Fraktionssitzungen stattfanden.

Zwischenzeitlich hatte es geheißen, es seien mehrere Schützen in der Innenstadt unterwegs. Dies bestätigte sich ebenso wenig wie Berichte über Schüsse in einem Einkaufszentrum in der Nähe. "Es scheint, dass es nur einen Schützen gab, und dieser Schütze ist tot", sagte Ottawas Bürgermeister, Jim Watson, CNN. Er sprach von einer "traumatischen Erfahrung" für die Stadt und das Land.

Die meisten Menschen durften erst nach mehr als acht Stunden die unter Ausgangssperre stehenden Gebäude verlassen.

Wie bei fast jeder Tragödie gab es an diesem Tag aber auch einen Helden: Der 58-jährige Kevin Michael Vickers, einer jener Sergeant-at-Arms genannten Parlamentswächter, die in ihren Uniformen vor allem zeremonielle Aufgaben haben. Er war es offenbar, der den angreifenden Michael Z. erschoss. Vickers habe ihnen das Leben gerettet, twitterte ein Abgeordneter.

© Süddeutsche.de/gal
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