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Schere zwischen Arm und Reich:Die Mär vom Untergang der Mittelschicht

Mehrgenerationenhaus Darmstadt

Es ist wahrscheinlich, dass es unter den jungen Senioren viele geben wird, die sich engagieren - politisch, sozial, in bürgerschaftlicher Arbeit, wie hier in einem Mehrgenerationenhaus in Darmstadt.

(Foto: dpa)

Die Beschreibung der Gesellschaft als ein zwischen Arm und Reich zerrissenes Nicht-Gemeinwesen wird der Realität nicht gerecht. Sie ist angesichts der Vielfältigkeit des Lebens hierzulande sogar falsch. Denn es gibt vieles, was ein anderes Bild erkennen lässt.

Ein Kommentar von Kurt Kister

Die "Schere" war eines der beliebtesten Instrumente der Feiertagsrhetorik in diesem Jahr. Bischöfe, Politiker und Kommentatoren warnen vor dem Auseinanderklaffen der Schere zwischen Arm und Reich in diesem Land. Die einen sehen in der Vergrößerung des Abstands zwischen den Wohlhabenden und denen, die kaum etwas haben, die Hauptursache für befürchtete soziale Konflikte in der nahen Zukunft. Die anderen entwerfen gleich Szenarien des Staatsversagens, der Entsolidarisierung, ja des allgemeinen Abgleitens in die Armutsgesellschaft.

Das sieht ungefähr so aus: Ein Kind wird geboren, und zuerst finden die Eltern keinen Kita-Platz. Alsbald gerät der Nachwuchs dann in das von Ungerechtigkeit, Undurchlässigkeit und Bildungsversagen gezeichnete Schulsystem. Die Kinder lernen, allemal im Vergleich mit ihren Altersgenossen in Shanghai und Singapur, nicht ordentlich lesen und rechnen. Als Jugendliche ohne Arbeit oder Menschen mit Minijobs fallen sie anschließend aus der immer stärker abschmelzenden Mittelschicht in eine 900-Euro-Existenz. Ihre Tage beenden sie schließlich in Pflegenotstand und Altersarmut.

Setzt man sich nur zwei Wochen ebenso selektiv wie mutwillig all diesen Darstellungen, Berichten und Bewertungen in Talkshows, Tages- und Wochenpresse sowie im weiten Reich der Internet-Nutzer aus, bleibt eigentlich nur eine Schlussfolgerung: Weg von hier, solange noch nicht alles zusammengebrochen ist.

Barrakudas und Heringe

Nein, es wird nicht so kommen. Schon deswegen nicht, weil die deutsche Gesellschaft eben nicht nur aus jenen zwei Schichten besteht, die mit dem Bild der Schere beschrieben werden: den Wohlhabenden und den Armen. Die Reichen sind eine kleine Minderheit, ein paar Hunderttausend. Es gibt mehr von ihnen als vor 20 Jahren, und sie haben deutlich mehr Geld als früher. Die Armen wiederum - oder zumindest jene, die nach der einschlägigen OECD-Definition als armutsgefährdet gelten - zählen drei bis fünf Millionen, je nach Betrachtungsweise. (Weil Armuts-Definitionen oft das Durchschnittseinkommen stark berücksichtigen, bedeutet dies auch, dass steigender Wohlstand einer Mehrheit die Armutsgefährdung der Minderheit vergrößert.)

Die übergroße Mehrheit der deutschen Bevölkerung gehört aber weder zu den Reichen noch zu den Armutsgefährdeten. Wer also Deutschland in erster Linie mit der Schere zu erklären versucht, der spricht zwar über eine kleine und eine größere Minderheit, nicht aber über die große Mehrheit. Das ist ungefähr so, als wolle man das Leben im Meer über die Barrakudas und die Heringe erklären, redete aber nicht über das Wasser. Genauso wenig ist die Gesellschaft hierzulande in jenes Ein-Prozent-gegen-neunundneunzig-Prozent-Zerrbild der letztjährig modischen Occupy-Bewegung einzupassen.

Ordentlich bis recht ordentlich

Die Mehrheit der Deutschen lebt ordentlich bis recht ordentlich und fürchtet sich ausweislich der meisten Umfragen nicht sehr vor der Zukunft. Sicherlich findet man die Exzesse der Reichen ärgerlich, glaubt aber durchaus nicht, dass es mit Deutschland und den Deutschen den Bach runtergeht. Die relative Resistenz der Mittelschicht gegen Untergangsszenarien mag auch damit zu tun haben, dass man sich an solche Szenarien sowie an deren Nicht-Erfüllung gewöhnt hat. Der Atomkrieg hat nicht stattgefunden, die Wälder sind nicht gestorben, das Öl ist auch noch nicht alle, die Islamisten haben nicht einmal Berlin Neukölln übernommen, und sogar den Euro gibt es Ende 2012 noch.

Offenbar haben politisch wie ökonomisch stabile Gesellschaften die Eigenart, besonders elaborierte Untergangsvorstellungen zu entwickeln und sie mit anschwellender Intensität zu verbreiten. Es mag auch die Furcht davor sein, dass man keinen wirklichen Anlass zur Furcht haben könnte. Jedenfalls hat die Ausbreitung dessen, was schlecht ist oder schlecht werden könnte, zu Beginn des 21. Jahrhunderts wirklich professionelles Niveau erreicht.

Gerade dank des Internets, das neben vielen anderen Eigenschaften auch die einer Apokalypse-Maschine hat, ist es für den Durchschnittsmenschen heute jederzeit möglich, Analysen jeder Art abzurufen, welche die gestiegene Wahrscheinlichkeit des individuellen Unglücks sowie mannigfaltige Gründe für den politischen und/oder ökonomischen Niedergang zum Gegenstand haben.

Notabene, Journalisten beteiligen sich gern an der Suche nach Anlässen zur Furcht. Sie scheinen in dieser Funktion die katholischen Pfarrer abgelöst zu haben, die früher nie darum verlegen waren, den Menschen die Vielfalt begangener oder möglicher Sünden sowie die damit zusammenhängende Verdammnis vor Augen zu halten.

Zurück ins 20.Jahrhundert

Natürlich ist dies kein Plädoyer dafür, dass alles so bleiben soll wie es ist, weil es der Mehrheit ja einigermaßen gut geht. Das Engagement vieler ganz normaler Menschen, aber auch die Arbeit der meisten jener, die Politik machen, zielt darauf ab, die Lebensbedingungen aller zu verbessern. Und es ist politisch wie moralisch gewiss nötiger, zum Beispiel arme Kinder, deren Mütter von Hartz IV leben, zu unterstützen als etwa den Spitzensteuersatz auf relativ niedrigem Niveau zu halten. Gezielte Umverteilung ist in diesem Sinne nicht die Folge einer eindimensionalen Betrachtung der Gesellschaft, sondern ein Gebot der politischen Moral - gerade in einer Gesellschaft, in der es der Mehrheit so gut geht wie kaum jemals zuvor. (Genau das übrigens macht die stetige Erfüllung des zum Klischee erstarrten Wunsches so schwierig, dass es jeder Kinder-Generation immer besser gehen solle als der Generation ihrer Eltern.)

Wer allerdings die heutige Gesellschaft nur als Spaltprodukt der Besitzverhältnisse sieht und diese deswegen ändern will, der stürmt mit kühnem, aber verschleiertem Blick nach vorne zurück ins 20.Jahrhundert, ins Zeitalter der Ideologien.

Die Beschreibung der Gesellschaft als eines zwischen Arm und Reich zerrissenen Nicht-Gemeinwesens ist nicht hinreichend, ja sie ist angesichts der Vielfältigkeit des Lebens hierzulande sogar falsch. Es gibt so vieles, das ein anderes Bild erkennen lässt. Nur ein Beispiel: In der kommenden Dekade werden viele Menschen in Rente gehen, die als Angehörige der starken Baby-Boomer-Generation sich noch nicht zur Ruhe setzen wollen. (Die meisten von ihnen müssen keineswegs hinzuverdienen, denn entgegen aller Schwarzmalerei sind in absehbarer Zeit nur wenige von Altersarmut bedroht.) Es ist also wahrscheinlich, dass es unter den jungen Senioren viele geben wird, die sich engagieren - politisch, sozial, in bürgerschaftlicher Arbeit. Auch dies wird die Gesellschaft, ihren Zusammenhalt und ihren Geist stärken und fördern.

© SZ vom 29.12.2012/mike

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