Scheidender Außenminister Gabriel "Machen Sie's gut. Tschüss."

Am Morgen ist sein Abgang bekannt geworden, nachmittags hält Außenminister Sigmar Gabriel eine Pressekonferenz mit seinem Amtskollegen aus Bosnien-Herzegowina.

(Foto: dpa)
  • Der scheidende Außenminister Sigmar Gabriel wählt bei seinem Termin mit dem Amtskollegen aus Bosnien und Herzegowina einen Arbeitsabgang ohne viel Tamtam.
  • Von Außenminister Gabriel wird vor allem seine Türkei-Politik in Erinnerung bleiben.
  • In seinem Jahr im Amt scheute Gabriel weder robuste Verhandlungen und harte Urteile noch einen kleinen Eklat in Israel.
Von Mike Szymanski, Berlin

Der Außenminister von Bosnien und Herzegowina klingt, als sei etwas Schlimmes geschehen. Auf der Fahrt nach Berlin, zu seinem Kollegen Sigmar Gabriel, habe ihn "die Nachricht ereilt", sagt Igor Crnadak. Gabriel ist an diesem Donnerstag für alle erkennbar zum Mann von gestern geworden.

Die Nachricht machte seit dem Morgen die Runde, Gabriel selbst hatte sie in die Welt gesetzt. Seine SPD schickt ihn, der - wie er schreibt - "18 Jahre für mein Land und für die SPD in leitenden Funktionen" arbeiten durfte, nicht mehr in die Regierung. Er muss als Außenminister aufhören.

Stationen einer Karriere

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Es ist kurz nach 14 Uhr im Pressesaal des Auswärtigen Amtes. Gabriel wählt den Arbeitsabgang ohne viel Tamtam. Er redet noch einmal zur Westbalkan-Strategie, und irgendwie findet sein bosnischer Gast passende Worte für die merkwürdige Stimmung. Ihre Begegnung just in diesem Moment möge als "interessantes Detail" in Erinnerung bleiben, sagt Crnadak.

Ein Kampf geht zu Ende. Niemand kann wirklich behaupten, Gabriel hätte nicht alles gegeben, um der neuen Regierung wieder anzugehören. Dieses Amt? Nichts für Anfänger, ließ er durchblicken. Er wollte Außenminister bleiben, doch Martin Schulz, dem Gabriel 2017 den Parteivorsitz und die Kanzlerkandidatur überlassen hatte, plante, sich in dieses Amt hineinzuretten. Schulz wollte quasi den Gabriel machen, der Posten sollte ihm wieder zu Autorität und Ansehen verhelfen. Am Ende bekommt ihn keiner von beiden, sondern Heiko Maas. So kann es gehen.

Seine robustere Art zu verhandeln ähnelt eher der türkischen

Gabriel machte zuletzt den Eindruck, er stehe über den Dingen. Zumindest flog er über den Dingen, kreuz und quer durch die Welt. Während sich die Genossen am Boden an die Gurgel gingen - auch wegen Gabriel -, hatte es sich der Noch-Minister im Regierungsflieger eingerichtet, ganz die Unschuld gegeben und den Eindruck erweckt: Einer muss ja noch arbeiten.

Als Außenminister war Gabriel, wenn man es freundlich formuliert, von Anfang an präsent. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan jedenfalls adelte ihn mit all der Zurückweisung, die er aufzubringen vermag. Erdoğan hatte gerade seinen Landsleuten in Deutschland erklärt, wen sie bei der Bundestagswahl zu wählen hätten. Als Gabriel sich die Einmischung Erdoğans in den Wahlkampf verbat, nahm sich der Präsident den Mann aus Goslar zur Brust: "Wer bist du, dass du mit dem Präsidenten der Türkei redest? Wie lange bist du eigentlich in der Politik? Wie alt bist du?" Fragen über Fragen, auf die man in Ankara nach einem Jahr Gabriel im Amt zu einer überraschenden Antwort gelangte: Gabriel? Das ist ein Freund.

Wenn etwas von ihm als Außenminister in Erinnerungen bleiben wird, dann sein Einsatz für das deutsch-türkische Verhältnis. Gabriel war maßgeblich dafür verantwortlich, dass der Welt-Korrespondent Deniz Yücel, ein Jahr lang von der Türkei als politische Geisel festgehalten, aus der Haft kam. Er war es, der Ankara klarmachte, dass es eine Annäherung nicht geben könne, solange Yücel im Gefängnis sitzt. Die Türkei-Politik machte Gabriel, nicht mehr Kanzlerin Merkel.

Seine robustere Art zu verhandeln ähnelt eher der türkischen; Gabriel kann zum Beispiel schnell vergessen, wenn es sein muss. Die Türkei, im Sommer 2017 für ihn noch ein Land, in das kein Deutscher "guten Gewissens" reisen könne, war am Dienstag für Gabriel schon wieder "eines der schönsten Länder der Erde".

Er hatte Mevlüt Çavuşoğlu zu Gast, den türkischen Außenminister, der auf der Durchreise zur Tourismusmesse ITB war. Für ihn öffnete Gabriel die Villa Borsig, das Gästehaus des Auswärtigen Amtes, am Tegeler See. Sie flanierten am Ufer. Abends, bei einem Essen über den Dächern der Stadt, hatte Çavuşoğlu nur Gutes über Gabriel zu berichten. Dass Gabriel im Volk gerade der beliebteste Politiker ist, aber die Partei ihn offenbar nicht mehr ausstehen kann, hat er mitbekommen. "Das ist Politik", sagte Çavuşoğlu. Er hat Gabriel in besseren Zeiten kennengelernt, 2009, auf dem Parteitag der Sozialdemokraten in Dresden. Gabriel wurde Parteichef. Er war der Mann, der nach oben wollte.

Das Jahr unter Gabriel bot alles: das große Ringen und den kleinen Eklat

Nun ist Gabriel bald einfacher Abgeordneter, im Wahlkreis erfolgreich mit fast 43 Prozent. Er hat sich manchmal vorgestellt, wie es wohl wäre, wenn in der Partei nur noch jene das Sagen hätten, die 40-plus-Ergebnisse vorzuweisen hätten. Der Kreis, auch seiner Gegner, wäre überschaubar geblieben.

Hätte das Auswärtige Amt abstimmen müssen, ob Gabriel Minister bleiben soll, dann wäre das wahrscheinlich auch wieder ein großes Drama gewesen. Die einen sind froh, dass er geht. Zu flatterhaft, dieser Mann, zu sehr nur am schnellen Erfolg interessiert. Die anderen freuen sich, dass lange nicht mehr so aufregend spekuliert wurde, wer Außenminister kann - nach Ansicht der Mitarbeiter natürlich das wichtigste Amt der Welt.

Das Jahr unter Gabriel bot alles: das große Ringen mit der Türkei und den kleinen Eklat. Im April weigerte sich Israels Premier Benjamin Netanjahu, Gabriel auf dessen Antrittsreise zu empfangen. Gabriel hatte sich dessen Drängen widersetzt, ein Treffen mit Vertretern regierungskritischer Organisationen abzusagen. Da wurde klar, dass Gabriel nicht den smooth operator geben wird, wie es einer aus seinem Haus formuliert. Ohne Reibung würde er nicht durch die Weltpolitik steuern.

Am Donnerstag verließ Gabriel die große Bühne. Sehr unspektakulär, mit den Worten: "Machen Sie's gut. Tschüss."

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