Glosse:Das Streiflicht

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Wer konnte schon ahnen, wie sensibel schottische Fußballfans auf kleinere Mängel in ihren Unterkünften reagieren würden.

(SZ) Wie jedermann bekannt ist, haben Social-Media-Plattformen die Welt zu einem besseren Ort gemacht. Auf X alias Twitter erörtern Menschen auf gesittete und geistreiche Weise Lösungen für große Fragen unserer Zeit; bei Tiktok machen sich junge Menschen mit Kommunikationsformen jenseits lästiger Inhalte vertraut und erfreuen sich dabei großherziger Förderung der chinesischen Regierung. Instagram, von Eingeweihten nur Insta genannt, befreit Reisende endlich von der Mühe, all die ranzigen Ruinen und scheußlichen Schlösser und blöden Wasserfälle wirklich anschauen zu müssen. Sich per Selfiestick selbst davor abzulichten und dann zur nächsten Bar aufzubrechen, hat viele Ferientage vor Unbill und Verdruss bewahrt.

Ganz oben in der Liste dieser segensreichen Errungenschaften der digitalen Ära rangiert das Mitwohnportal Airbnb. Endlich befreit es Besucherinnen und Besucher interessanter Städte von der Anwesenheit der lästigen Einheimischen mit all ihren Unsitten und Marotten. In Barcelona und Venedig sind die Airbnb-Kunden bereits mehr oder weniger unter sich, obwohl es noch immer ursprünglich Ansässige geben soll, die aus Bosheit und Starrsinn wertvollen Ferienwohnungsraum blockieren. Was geschieht, wenn man diese Leute aus falscher Nachsicht gewähren lässt, zeigt sich dieser Tage wieder auf Mallorca, wo Ureinwohner Feriengäste belästigen und sogar so weit gehen, aufs Dreisteste eigene Plätze am Strand einzufordern.

Aber wie alles haben selbst solche Websites mitunter ihre Schattenseiten. Es gibt Klagen beispielsweise von Gästen von booking.com, einer Airbnb nah verwandten Organisation, die statt des verheißenen lichtdurchfluteten Lofts einen schimmeligen Keller vorfinden oder ein Bonsai-Appartement voller Gerümpel sowie einen Spülberg, den ihnen der Wohnungsgeber hinterließ. Zuletzt haben vier Freunde aus Schottland im Netz mit in der Tat eindrucksvollen Beweisvideos ein finsteres Loch in Düren mitsamt dort vorgefundener, beeindruckender Verwüstungen präsentiert. Das ist wirklich ungewöhnlich: Normalerweise erwartet man Appartements in diesem Zustand nach der Vermietung an Fußballfans. Dieses hier soll aber bereits bei deren Ankunft alle Züge der Zerstörung getragen haben. Seitens der Besitzer verlautet: Womöglich sei das alles ein großes Missverständnis. Düren wurde nach dem Krieg wiedererrichtet nach einem städtebaulichen Prinzip des jovialen Gleichmuts gegenüber herkömmlichen Dogmen der Gestaltung und der Ästhetik. Vielleicht hatten die vier EM-Besucher selbst für örtliche Verhältnisse einfach nur ein wenig Pech. Und welcher Vermieter konnte ahnen, dass schottische Fans nach durchfeiertem Tag in einem Zustand zu Bett gehen würden, der sie auf solche Äußerlichkeiten achten lässt?

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