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Gelsenkirchen:"Es kann nur aufwärts gehen"

Luftbild - Schalker Meile - Gelsenkirchen

Ausgerechnet auf der Kurt-Schumacher-Straße in Schalke-Nord - voll Lokalstolz Schalker Meile genannt - hat ein Hausbesitzer sein Gebäude (links) gelb angestrichen, in der Vereinsfarbe des alten Revierrivalen aus Dortmund.

(Foto: Funke Foto Services)
  • Im Gelsenkirchener Stadtteil Schalke beziehen vier von zehn Menschen Hartz IV, zwei von drei Kindern leben in Armut.
  • Fußballspiele und Konzerte locken jährlich vier Millionen Besucher an, der Stadtteil kann davon aber nicht profitieren.
  • Eine Stiftung von Fußballverein und Stadt will nun Geld aufbringen, um Schalke wiederzubeleben.

Boduar Yilmaz setzt alles auf Schalke. Vor vier Monaten hat er sein Geld genommen und den Bäckerladen an der Grillostraße angemietet. "Neueröffnung" steht auf der Fensterscheibe. Yilmaz, 50, kennt das Risiko, auf dem Weg zur Arbeit sieht er ja jeden Tag die Ladenlokale, die leer stehen im Viertel.

Eine knappe Stunde vor Ladenschluss steht der Bäcker hinterm Tresen. Er verschränkt die Arme, sein Kopf wiegt leise hin und her. "Es läuft, aber nur langsam", sagt Yilmaz. Mit Sorge blickt er auf die unverkauften sechs Fladenbrote und auf drei Dutzend Brötchen im Regal, und auf all den Kuchen, der noch immer in der Auslage liegt. "Erst war Ramadan, nun sind Ferien." Und viele im Viertel hätten einfach zu wenig Geld. Yilmaz atmet durch, dann sagt er leise: "Es muss klappen."

Die hell erleuchtete Bäckerei ist ein Hoffnungsschimmer für Schalke. Solche Signale des Neuanfangs braucht dieses Quartier im Herzen von Gelsenkirchen, wo vier von zehn Kunden mit Hartz IV auskommen und zwei von drei Kindern in Armut leben. Schalke, dank des Fußballs wohl Deutschlands berühmtester Stadtteil, ist abgestiegen mit dem Ende von Kohle und Stahl, dem Niedergang von Glas- und Textilindustrie.

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Binnen zweier Generationen verlor die Stadt Gelsenkirchen ein Drittel ihrer Bürger, die Einwohnerzahl sank von 400 000 anno 1959 auf heute 260 000 Menschen. Schalke, benannt nach einer alten Bauernschaft, erlitt denselben Aderlass: Vor allem nördlich der riesigen Berliner Brücke, die den Stadtteil auch formal in zwei Hälften trennt, stehen etliche Häuser leer. Hierhin, nach Schalke-Nord, ziehen selten Deutsche, hier wohnen nun viele Roma aus Bulgarien und Rumänien. Und Flüchtlinge. Die einst allmächtige SPD hat hier nicht mal mehr einen Ortsverein.

Südlich der Berliner Brücke, am renovierten Grilloplatz und in den Straßen hinter der Kirche St. Joseph, liegt Schalke, also eigentlich Schalke-Süd, aber so nennt diesen Teil kein Mensch. Hier wurde zuletzt angestrichen, abgerissen und saniert. Es bewegt sich etwas in Schalke. "In Schalke", das sagen die 26 000 Schalker beiderseits der Brücke, wenn sie ihren Stadtteil meinen, und nicht jenen Fußballklub, dessen Aufsichtsratschef Clemens Tönnies sich und den Vereinsnamen gerade mit krudem Gerede über Afrikaner in Verruf brachte. Vor 46 Jahren hat der FC Schalke 04 seinen Geburtsort und die Glückauf-Kampfbahn an der Kurt-Schumacher-Straße verlassen, ist 3,5 Kilometer weiter nach Norden gezogen, aufs Berger Feld. Wer nun in die Arena geht, ist zwar "auf Schalke" - aber nicht mehr in  Schalke.

Zurück blieb Tristesse. Der legendäre Schalker Markt, einst Mittelpunkt von Stadtteil wie Vereinsleben, ist zu einem halb leeren Parkplatz verkommen. Die schmucken Bürgerhäuser aus der Gründerzeit zerstörte der Weltkrieg, den Rest besorgte die autogerechte Stadtplanung der Sechzigerjahre: Im Schatten der monströsen Berliner Brücke wuchert zwischen Betonplatten das Unkraut.

Genau hier jedoch könnte der Stadtteil wieder aufblühen. Und, so jedenfalls glaubt Olivier ("Oli") Kruschinski, aufsteigen zu neuer Größe. "Gelsenkirchen nutzt seine Chancen nicht", schimpft der selbständige Fremdenführer und Buchautor. Jährlich lockten Fußball und Konzerte in der Arena vier Millionen Besucher an, "aber kaum einer von denen kommt in den Stadtteil." Die Stadt lasse ihren Markenkern verkommen: "Und der ist Schalke!" Seit Jahren propagiert Kruschinski, 44, seine Vision, die Erinnerungsorte des Klubs wiederzubeleben und so der ganzen Stadt neues Leben einzuhauchen. Sport und Schwerindustrie hätten Legenden und Denkmäler hinterlassen, daraus will er eine Zukunft bauen, mit neuen Jobs. Der Schalker Markt, die Glückauf-Kampfbahn, die Geburtsorte und sogar die Gräber von Fußballhelden wie Ernst Kuzorra, Fritz Szepan oder Stan Libuda - das seien "Sehnsuchtsorte" für Fans aus aller Welt.

Mit seiner Gabe, sich selbst in einen Rausch zu reden, hat Oli Kruschinski inzwischen die arme Stadt und den reichen Fußballverein für die Idee einer Stiftung gewonnen. Die entwirft nun Pläne, und die spendiert Geld, um etwa die alte Kampfbahn an der A42 nun nachts sehr königsblau zu illuminieren.

Wie weit der Schalker Weg in die Zukunft noch ist, das zeigt sich dann tagsüber. Etwa vorigen Samstag. Da erlebt Schalke-Nord sein erstes Stadtteilfest seit Jahren. Zwei Dutzend meist leere Tische stehen im verdorrten Gras, auf dem Vorplatz der Glückauf-Kampfbahn verkaufen Händler Tinnef, daneben grillen Fan-Initiativen Würstchen, zapfen Bier. Zu Begrüßung scherzt ein Redner, man habe ursprünglich ja Clemens Tönnies, den Schalke-Boss, eingeladen - "aber nun ist es uns sehr lieb, dass Erwin gekommen ist". Erwin, das ist das zwei Meter große Plüsch-Maskottchen von Schalke 04. Jeder zweite Bewohner ist Kind oder Enkel von Zuwanderern, kein Festbesucher bringt Verständnis auf für Tönnies' Rassismus.

Moise Elvis, 30, Vater von vier Kindern, hat von der Affäre eh nichts mitbekommen. Der Roma aus Rumänien spricht kaum Deutsch: "Keine Zeit zum Lernen", sagt er. Er sortiert Blumen im Supermarkt, für 8,50 Euro die Stunde, das Jobcenter stockt den Lohn auf. Deutschland sei "das Land der Hoffnung". Er blickt auf die Bühne, wo vorhin acht Roma-Mädchen Sevillanas tanzten, einen Volkstanz aus Andalusien. Dem Kinderzentrum, das ihnen jeden Tag bei den Schulaufgaben hilft, droht die Pleite: kein Zuschuss mehr. Die Roma sind nicht beliebt im Viertel, das Wort "Zigeuner" fällt, als ein deutscher Nachbar in der Josefinenstraße auf den Sperrmüll zeigt, den eine Familie vorm Haus auftürmt. Jeder Vierte, der in der Siedlung noch wählen geht, stimmt für die AfD.

Entlang der Kurt-Schumacher-Straße, der lauten, dreckigen Verkehrsader durch Schalke-Nord, sind einige Häuser längst unbewohnbar. Der Putz bröckelt, auf einigen Schaufenstern kleben blau-weiße Sichtblenden: Die Vereinsfarben kaschieren den Leerstand. Entlang der 800 Meter zwischen der A42 und dem Nordrand der Brücke sind Fanklubs eingezogen, und wenn Schalke 04 Heimspiel hat, sind sogar die Kneipen voll. Alle paar Meter hängt an einer Hauswand das Foto eines Schalker Idols, die Straßenbahn hat vor Jahren ihre Strommasten königsblau angestrichen und den Namen einer Haltestelle geändert: "Schalker Meile" steht an der Station.

Diese Schalker Fan-Meile, das ist die erste Etappe in die Zukunft, die Oli Kruschinski für seinen Stadtteil erträumt. Er sieht den Verfall, "aber ich deute das als Potenzialraum", sagt er: "Es kann nur aufwärts gehen." Wenn Schalke mitzöge, wenn die Stadt Schalke-Nord zum Sanierungsgebiet erklärte, dann kämen auch Investoren. Sicher ist nichts, Kruschinski weiß das. Er deutet auf die Engelsburg, das majestätische Eckgebäude, das der Besitzer vor Jahren neu streichen ließ - ausgerechnet in Gelb, der Farbe der Dortmunder Borussia. Dass die Stadt das zuließ, wurmt alle, ob in oder auf Schalke.

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