bedeckt München 11°

Schäuble und der Ausraster:Die Würstchen

Aus Verärgerung über mangelhafte Pressearbeit seines Ministeriums hat Bundesfinanzminister Schäuble eine Pressekonferenz verlassen - und dabei gleich noch seinen Sprecher gedemütigt. Warum machen Politiker so etwas?

Heribert Prantl

In alten Zeiten ließ der König, wenn er schlecht aufgelegt war, seinen täppischen Diener köpfen. In der Demokratie haben es die Diener besser: An die Stelle der Exekution ist die öffentliche Demütigung getreten. Das ist soeben dem Pressesprecher von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble passiert. Der hatte seinen Chef wohl durch ein gewisses Unvermögen gereizt, worauf ihn dieser öffentlich sekkierte und sezierte. Das passt eigentlich nicht zu Schäuble, der von Natur aus kein cholerischer Mensch ist. Aber Politik ist nun einmal eine öffentliche Angelegenheit, und es gibt Tage, in denen der öffentliche Mensch reizbar ist und sein Missbehagen eruptiv oder gar lustvoll durchbricht.

Pk Steuerschätzung - Schäuble

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) verlässt die Pressekonferenz zur Bekanntgabe der Ergebnisse der Steuerschätzung.

(Foto: dpa)

Vorbildlich ist das nicht und so gar nicht nach der Lehre des alten SPD-Politikers Hans-Jochen Vogel, der einmal gesagt hat: "Man predigt mit seiner eigenen Lebensführung mehr als mit Worten." Die öffentlichen Predigten gegen die eigenen Untergebenen sind dann wohl so eine Art Kapuzinerpredigt. Am berühmtesten sind die einschlägigen Predigten des vormaligen Bundesinnenministers Otto Schily. Der kannte keine Gnade; bei ihm wurde jeder rasiert, sogar der eigene Staatssekretär. Als Schily in der Sitzung der Innenministerkonferenz mit den Vorlagen im Aktenordner unzufrieden war, begann er coram publico die verbale Exekution des Staatssekretärs. Der ist dem Rang nach einem Landesminister gleichgestellt, verwandelte sich aber binnen kurzem in ein Häuflein Elend. Schily ließ ganz gern dem Berserker in sich freien Lauf, um dann in der großen Öffentlichkeit wieder den Mann mit der bissigen Contenance zu geben. So machte er es mit Staatssekretären und Referenten, nicht selten auch mit den Verhandlungspartnern der Grünen.

Einer der so Erniedrigten griff zu folgender Erklärung: "Er hält uns für Würstchen - und Würstchen kann man nicht demütigen." Die Alten haben so etwas als Hoffart bezeichnet und zählten das zu den sieben Todsünden. Aber Politik ist keine Veranstaltung, die nach den Prinzipien der Bergpredigt abläuft. Seligpreisungen für die Sanftmütigen und die Friedfertigen haben ihren Platz allenfalls in den ökumenischen Gottesdiensten zum Beginn von Parteitagen.

Aber nicht immer ist Hochmut der Grund für schlechtes Benehmen. Manchmal sind die Helfer dem Furor des Chefs (wie Schäuble) einfach nicht gewachsen; sie wollen oder können bei dem Anspruch, den ein Spitzenpolitiker an sich stellt, einfach nicht mithalten. Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber quälte sich und andere mit verbissenem Perfektionismus. Einmal soll er einen Mitarbeiter, der sich an einem Sommerabend um kurz nach neun Uhr von ihm verabschieden wollte, abgekanzelt haben: "Sind sie verrückt, Mann? Draußen ist es noch hell!" Stoiber verlangte sich alles ab und schonte die nicht, die ihn auf seinem Weg begleiteten. Wenn sein Vorvorgänger Franz Josef Strauß bei Freund und Feind als "ungesichertes Kraftwerk" galt, dann standen hinter dieser Einschätzung verbale Deftigkeiten ganz besonderer Art. Und Florian Gerster bereitete sich einst mit Pampigkeiten sein eigenes schnelles Ende als Chef der Bundesanstalt für Arbeit: Schon vor seinem Dienstantritt hatte er alle wissen lassen, künftig werde er mit der Hälfte der Bediensteten auskommen.

Der gemeinsame Nenner all solcher Verhaltensweisen ist wohl der: Führungskräfte müssen nicht nur die anderen, sondern vor allem und vor allen sich selbst führen.

© SZ vom 06.11.2010/wolf

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite