Schacht Konrad Fünf Jahre für die Ewigkeit

Bei Salzgitter soll das erste ordentliche Atommüll-Endlager Deutschlands entstehen. Seit den Siebzigerjahren wird daran geplant, nun verschiebt sich die Fertigstellung abermals - auf 2027.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Ein halbes Jahrhundert in der Planung: das Endlager Schacht Konrad in Salzgitter.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Wenn es beim neuesten Zeitplan bleiben sollte, gibt es 2027 gleich doppelt Grund zum Feiern. Erstens gäbe es dann in Deutschland erstmals ein nach allen Regeln der Kunst genehmigtes Endlager. Zweitens wäre es ein kleines Jubiläum: Denn 2027 wird es genau 50 Jahre zurückliegen, dass die Planungen für Schacht Konrad begannen. Nicht mal die Elbphilharmonie oder der Hauptstadt-Flughafen BER können auf eine derart lange Geschichte zurückblicken.

Am Donnerstag hat der Bund die bisherigen Zeitpläne abermals revidiert. Galt zuletzt noch das Jahr 2022 als Termin für die Fertigstellung, soll es nun das erste Halbjahr 2027 sein. "Nach Lage der Dinge ist nicht erkennbar, dass es noch doller kommen kann", sagte Umwelt-Staatssekretär Jochen Flasbarth.

Mit der Einschätzung haben sich allerdings vor ihm schon einige geirrt. Ursprünglich sollte das Endlager bei Salzgitter schon 1989 in Betrieb gehen, doch der Widerstand wuchs. Später galt 1997 als Starttermin, "nach etwa dreijähriger Bauzeit". Klagen vereitelten den Termin, erst 2007 war der letzte Prozess zu Ende. 2014 sollte das Endlager in einem alten Erzbergwerk endlich fertig sein, später 2018, zuletzt 2022. Schacht Konrad ist so etwas wie das moving target der deutschen Atomära. Nach jüngsten Planungen wird es am Ende 3,6 Milliarden Euro gekostet haben - 700 Millionen Euro mehr als noch vor vier Jahren angenommen. "Ich bin zuversichtlich, in diesen Kosten zu bleiben", sagt Ursula Heinen-Esser, Chefin der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE). Die neu gegründete Firma soll den Bau vorantreiben.

Sie kämpft dabei vor allem mit der Vergangenheit. So gibt es Verträge mit Baufirmen, die noch vor 1990 geschlossen worden sind. Es sei "schwer, diese Verträge noch zum Erfolg zu führen", sagt Heinen-Esser. Zumal sich die Anforderungen im Laufe der Zeit veränderten. So müssen die beiden Schächte, die in das Endlager führen, von Grund auf saniert werden. Bei Schacht 1 erwies sich das Mauerwerk als so marode, dass die ursprünglichen Planungen nicht aufgingen. Nun ist Schacht 2 dran, er gilt als "zeitführend". Sprich: Jede Verzögerung, jedes neue Problem stellt den Zeitplan wieder infrage. "Aber wir haben aus den Schwierigkeiten der Vergangenheit gelernt", sagt Thomas Lautsch, technischer Geschäftsführer bei der BGE.

Zu diesen Schwierigkeiten zählte auch das permanente Gegeneinander zwischen den beteiligten Stellen. Eigentliche Bauherrin war eine Bundesbehörde, doch die Bauarbeiten erledigte eine Tochter der Energiekonzerne. Über einen schwer kündbaren Vertrag waren beide aneinandergekettet. Erst seit der Schaffung der Bundesfirma BGE ist dieses Problem behoben, seit drei Monaten ist sie ganz allein verantwortlich.

Die Probleme haben nun andere. Denn das Endlager soll schwach- und mittelradioaktiven Atommüll aus Medizin und Forschung aufnehmen, aber auch den verstrahlten Schutt deutscher Atomkraftwerke. Wird es nicht rechtzeitig fertig, stapelt sich der Atommüll länger an den AKWs. Nicht alle haben genug Platz dafür. Obendrein wittern die Endlager-Gegner Morgenluft. Sie hoffen schon länger, dass die Zeit das Projekt irgendwann überholt haben wird. "Die stehen da unten vor erheblichen Problemen", sagt Ursula Schönberger von der Arbeitsgemeinschaft Schacht Konrad. "Damit wachsen die Chancen, dass es das Endlager nie geben wird." Salzgitters Oberbürgermeister Frank Klingebiel (CDU) verlangte eine "Neubewertung von Schacht Konrad nach dem neuesten Stand von Wissenschaft und Technik".

Der Bund dagegen will die Zeit wieder aufholen - nach Fertigstellung des Endlagers. Statt im Einschichtbetrieb wolle man Atommüllbehälter in zwei Schichten im Bergwerk verstauen. "So sparen wir mehr Jahre, als wir jetzt verlieren", sagt Flasbarth. Bisher ging man von 30 Jahren aus, um das Endlager zu bestücken. Unwägbarkeiten nicht eingerechnet.