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Drohnenangriff in Saudi-Arabien:Ein Gesichtsverlust für das Königreich

Satellitenaufnahmen zeigen dichten Rauch, der von den Ölfabriken in Abqaiq aufsteigt.

(Foto: AP)

Die Anschläge auf die größte Ölraffinerie im Land führen Riad militärisch und wirtschaftlich vor. In einer hochexplosiven Region stehen die Zeichen damit auf Eskalation.

Riesige schwarze Wolken steigen am Samstag über der saudischen Stadt Abqaiq auf, dort steht das Herzstück der Ölindustrie des Landes. Es sind Bilder, die das Königreich so noch nie gesehen hat. Und die es dort treffen, wo es am empfindlichsten ist. Am Samstagmorgen wurden die Ölraffinerie Abqaiq und das Ölfeld in Khurais von mehreren Drohnenangriffen getroffen. Die schiitischen Huthi-Rebellen im Jemen, die die Anschläge schon am Samstag für sich reklamiert haben, trafen - wortwörtlich - ins Schwarze. Und führen Riad damit vor.

In Abqaiq steht nämlich nicht nur die größte Ölfabrik des größten Ölkonzerns der Welt (Aramco), sondern sie liegt auch mehr als 1000 Kilometer entfernt von der jemenitischen Grenze mitten im Königreich. Die Drohnen, es sollen zehn an der Zahl gewesen sein, konnten somit unbemerkt, für Hunderte von Kilometern, durchs Landesinnere fliegen. Das wäre, falls die Huthis tatsächlich hinter dem Anschlag stecken, eine Blamage - ausgerechnet im saudischen Königreich, das für seine hochtechnisierte Armee in der Region bekannt ist.

Dabei waren es nicht die ersten Drohnenangriffe: Mitte Mai hatten die Huthis zwei Ölpumpstationen in der Nähe von Riad attackiert, Aramco setzte daraufhin vorübergehend den Betrieb seiner Ost-West-Pipeline aus. Im Juni griffen Huthi-Rebellen den Flughafen in der Stadt Abha an, sie liegt im Süden des Landes an der Grenze zum Nachbarland Jemen, in dem Saudi-Arabien seit 2015 Krieg führt. 26 Menschen wurden dabei verletzt.

Der gelungene Anschlag ist nicht nur militärisch, sondern auch politisch heikel für Riad. Erst vergangene Woche wurde der Energieminister ausgetauscht, man legte das Amt erstmals in die Hände eines Prinzen. In Riad möchte man den Börsengang von Aramco mit aller Macht vorantreiben. Er wurde schon etliche Male verschoben, dabei galt der Börsengang als Herzstück der Vision 2030, die das Land unabhängiger vom Öl machen soll. Nun scheint er noch unwahrscheinlicher: Die Hälfte der saudischen Ölproduktion musste nach den Anschlägen vom Samstag eingestellt werden. Das entspricht rund fünf Millionen Barrel täglich.

Dass aus diesen Angriffen keine Lehren gezogen wurden, dass die wichtigste Ölfabrik des Landes nicht besser geschützt wurde, ist für das Königreich ein Gesichtsverlust - vor allem für den Verteidigungsminister, Kronprinz Mohammed bin Salman. Der hatte schon 2017 vollmundig in einem Interview verkündet, Saudi-Arabien werde im Konflikt mit Iran nicht warten, bis es zum Kriegsschauplatz werde, sondern vorher selbst zuschlagen. Denn man sei sich bewusst, dass man für Iran ein Hauptangriffsziel sei. Riad wirft Iran vor, die Huthi-Rebellen im Jemen zu unterstützen.

Der Anschlag könnte die Lage am Persischen Golf endgültig eskalieren lassen

Die Drohnenangriffe auf Abqaiq und Khurais, so die Huthi-Rebellen, seien als Vergeltungsschläge für den saudischen Militäreinsatz im Jemen zu verstehen. Dort führt Riad einen blutigen Stellvertreterkrieg gegen Iran. Die Vereinten Nationen bezeichnen den Krieg im Jemen als größte humanitäre Katastrophe. Millionen Jemeniten sind von Hunger bedroht, darunter Millionen Kinder. Saudi-Arabien begründet den Einsatz mit der Wahrung der eigenen Sicherheit: Dass schiitische Rebellen sich in der Grenzregion etablieren und Iran seinen Einfluss in der Region weiter ausbaue, sei nicht hinnehmbar. Bislang blieb es bei einem verbalen Schlagabtausch zwischen Riad und Teheran - trotz jüngster Eskalationen in der Straße von Hormus.

Der Anschlag auf die wichtigste Ölfabrik des Landes könnte nun die Lage am Persischen Golf endgültig eskalieren lassen. Washington beschuldigt Iran, hinter den Drohnenangriffen vom Samstag zu stecken. Es gebe keine Beweise dafür, dass die Angriffe aus dem Jemen kommen, twitterte US-Außenminister Mike Pompeo am Samstag. US-Präsident Donald Trump sicherte dem Kronprinzen "seine Unterstützung für Saudi-Arabiens Selbstverteidigung zu". Auch die Vereinigten Arabischen Emirate, die sich aus dem Jemenkonflikt so gut wie zurückgezogen haben, gaben dem Land Rückendeckung. Man werde Riad beistehen und zwar in jeder Entscheidung, die das Königshaus nun treffen werde, hieß es aus Abu Dhabi. Und der Kronprinz selbst ließ verlauten: Man sei "bereit und fähig" auf die Anschläge zu reagieren.

Die Zeichen stehen auf Eskalation. Mehr denn je.

Leserdiskussion Ihre Meinung zur Lage am Persischen Golf

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Ihre Meinung zur Lage am Persischen Golf

Schiitische Huthi-Rebellen im Jemen reklamieren für sich Anschläge auf die größte Ölraffinerie Saudi-Arabiens. Für Riad ist dies eine wirtschaftliche und militärische Blamage, die zur endgültigen Eskalation am Persischen Golf führen könnte.