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Saudi-Arabien:Freiheit, häppchenweise

Frauen am Bahnhof von Medina

Frauen am Bahnhof von Medina. Bisher müssen sie die Genehmigung ihres Vaters, Ehemannes oder eines anderen männlichen Familienmitglieds einholen, um einen Pass zu erhalten und ins Ausland zu reisen.

(Foto: dpa)
  • Saudische Frauen müssen nicht mehr Männer um Erlaubnis fahren, um ins Ausland fahren zu dürfen.
  • Reformen wie diese werden im Königreich vor allem dem mächtigen Kronprinzen Mohammed bin Salman zugeschrieben.
  • Offenbar versucht er damit, den schlechten Ruf des Landes zu verbessern.

Ende August sollen Frauen in Saudi-Arabien ohne vorherige Einverständniserklärung ihres männlichen Vormunds aus dem Königreich ausreisen dürfen. Dies hat das saudische Kabinett am Donnerstagabend beschlossen. Für die Frauen im Land bedeutet das eine neu gewonnene Reisefreiheit. Selbst wenn sie mit ihrem Pass am Flughafen standen, konnte das Flughafenpersonal online nachsehen, ob die Zustimmung des walial-amr, des männlichen Vormunds, vorlag oder nicht. Wenn nicht, hob der Flieger ohne sie ab. Nun können sie ab 21 Jahren ausreisen und ab 18 Jahren einen eigenen Reisepass beantragen. Weitere Dekrete, die am Donnerstag beschlossen wurden, erlauben es Frauen, eine Hochzeit oder Scheidung einzutragen sowie Geburten und Todesfälle bei Behörden zu registrieren.

Die Sozialreformen werden im Königreich vor allem dem mächtigen Kronprinzen Mohammed bin Salman zugeschrieben. Im vergangenen Jahr hob er etwa das Autofahrverbot für Frauen auf und ließ sie erstmals als Zuschauerinnen ins Stadion. Zuvor ließ er führende Frauenrechtlerinnen festnehmen. Die Botschaft war eindeutig: die Reformen kommen von oben und lassen sich weder erkämpfen noch als Erfolg für Aktivistinnen verbuchen.

In dem ultrakonservativen Königreich gelten diese Dekrete dennoch als Revolution, denn sie schlagen sich sofort im öffentlichen Leben nieder. Frauen waren dort zuvor kaum präsent. Sie arbeiteten und studierten nur unter Frauen, benutzten eigene Eingänge in Restaurants, hatten die Shopping Mall an Feiertagen für sich. Räume, in denen beide Geschlechter aufeinandertrafen, gab es kaum. Und wenn, dann hatten die Sittenwächter der Religionspolizei ein Auge darauf. Es soll der machtbewusste Kronprinz gewesen sein, der ihre Macht endgültig beschnitten hat.

An das Vormundschaftssystem traut sich der Kronprinz noch nicht heran

Die erste saudische Botschafterin in den USA, Reema bint Bandar, sprach angesichts der Lockerung der Reisevorschriften von "history in the making" - Geschichte in der Entstehung. An eine vollständige Abschaffung des Vormundschaftssystems, das in der islamischen Welt einzigartig ist, traut sich der Kronprinz wohl noch nicht heran. Offenbar will er die Ultrakonservativen, die jahrzehntelang politisches Mitspracherecht hatten, nicht überfordern.

Frauen waren in Saudi-Arabien jahrzehntelang Bürgerinnen zweiter Klasse, benötigten die Zustimmung eines männlichen Verwandten, um zu reisen, zu studieren oder zu arbeiten. Bis heute dürfen weibliche Gefangene, wenn sie ihre Strafe abgesessen haben, nicht allein entlassen werden; ein männlicher Verwandter muss sie abholen und die Entlassungsurkunde unterschreiben. Auch brauchen Frauen nach wie vor die Zustimmung eines männlichen Vormunds, um zu heiraten.

In der Vergangenheit kam es aufgrund des Reiseverbots immer wieder zu Fluchtversuchen. Anfang des Jahres löste der Fall einer 18-Jährigen internationale Aufmerksamkeit aus. Rahaf Mohammed floh vor ihrer Familie nach Thailand. Sie nutzte einen Besuch in Kuwait aus, um zu fliehen. Ihr drohte die Abschiebung, doch ihre panischen Twitter-Hilferufe riefen das Flüchtlingshilfswerk UNHCR auf den Plan. Mittlerweile lebt sie in Kanada.

Schicksale wie das von Rahaf Mohammed waren für Riad jedes Mal ein weiterer Reputationsschaden, auf den das Land derzeit verzichten kann. Die letzte große internationale Schlagzeile mit Blick auf Saudi-Arabien hätte auch einem Horrorfilm entstammen können. Die grausame Ermordung des regimekritischen Publizisten Jamal Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul im vergangenen Herbst brachte das Königshaus in Erklärungsnot.

Im Land überwiegt die Freude über die Neuigkeit

Der Kronprinz soll nichts von der Entsendung des saudischen Mordkommandos gewusst haben, hieß es aus Riad. Ein UN-Bericht hält dies für unglaubwürdig. Saudische Regierungsvertreter sprechen von einem schweren Reputationsschaden, der das Königshaus jahrelang verfolgen werde. Umso wichtiger sind positive Neuigkeiten, die sich im Ausland gut vermarkten lassen. Der saudische Kronprinz möchte wohl am liebsten an sein kurzzeitiges Image als Reformer anknüpfen. Doch bei der Aufarbeitung des Mords an Khashoggi glänzt Riad weniger. Internationale Medien und Organisationen erhalten kaum Zugang zum Prozess, der im Januar begann.

In Saudi-Arabien überwiegt derzeit die Freude über die Neuigkeit. In den sozialen Netzwerken richtet sich der Dank an den Kronprinzen. Zwar handelt er einerseits aus Kalkül, er sucht öffentlichkeitswirksame Verbote heraus, die er kippen kann - und an die sich bislang niemand heranwagte. Andererseits gilt er als Gesicht der "Vision 2030", die Saudi-Arabien vom Öl unabhängig machen soll. In der Stärkung der Frauenrechte sieht er einen wirtschaftlichen Nutzen.

Angesichts der sinkenden Ölpreise sucht das Land nach Alternativen. Und die Arbeitslosigkeit ist unter Frauen viel höher als unter Männern. Kritische Stimmen mutmaßten, dass die Meldung ausgerechnet jetzt kam, weil eine der prominentesten Frauenrechtlerinnen des Landes, Loujain al-Hathloul, gerade 30 Jahre alt geworden ist. Viele Menschen machten kürzlich auf ihr Schicksal aufmerksam. Al-Hathloul sitzt seit mehr als einem Jahr im Gefängnis.

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