Süddeutsche Zeitung

Satire:Erdoğan hat den Spott verdient

Es ist richtig, sich gerade über den türkischen Staatschef lustig zu machen. Und dennoch: Satire darf nicht alles.

Kommentar von Stefan Ulrich

Mit Gelächter ist nicht zu spaßen, jedenfalls nicht in Umberto Ecos Werk "Der Name der Rose". Der Roman kreist um das verschollene Buch des Aristoteles über die Komödie, in dem das Spotten und Lachen gewürdigt wird. Spott und Gelächter aber fürchten die Mächtigen besonders. Denn wer lacht, überwindet die Angst. Daher führt die Suche nach dem Buch des Aristoteles zu einer Mordserie und zum Untergang einer ganzen Abtei.

Soweit die Dichtung. Sie ist von der Wahrheit nicht weit entfernt. Weltliche Machthaber und religiöse Fanatiker haben stets versucht, Satire als Majestätsbeleidigung und Gotteslästerung zu verteufeln. Schon Kleon, ein Politiker im Athen des fünften vorchristlichen Jahrhunderts, wollte den Komödiendichter Aristophanes per Gericht zum Schweigen bringen. Er hat viele Nachfolger gefunden, bis hin zum türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, der sich jede Kritik verbittet - vor allem, wenn sie komisch ist.

Präsident Erdoğan hat den Spott, den er beklagt, verdient

Gerade hat ein deutscher Fernsehsender die Humorphobie des Präsidenten aufs Korn genommen und den "Protz vom Bosporus" verspottet. Daraufhin ließ Erdoğan den deutschen Botschafter ins türkische Außenministerium einbestellen und ein Verbreitungsverbot des Filmchens fordern. Zum Lachen? Erdoğan meint es ernst.

Er ist nicht der Einzige. In vielen Ländern schwindet die Toleranz, werden Satiriker und Humoristen verfolgt und die Meinungsfreiheit in Ketten gelegt. Dies geschieht in Russland und China, Iran und Ägypten oder mitten in Frankreich, wo islamistische Terroristen vergangenes Jahr die Satirezeitschrift Charlie Hebdo heimsuchten. Die Botschaft soll lauten: Satire darf gar nichts.

Dabei sah es noch um die Jahrtausendwende so aus, als sollten die Gedanken der Aufklärung allmählich die ganze Welt überzeugen. Kriege würden durch geistige Meinungskämpfe abgelöst, und in den Arsenalen würden nicht mehr Maschinengewehre und Raketen bereitgehalten, sondern Spott, Mokerie und ein guter Schuss Respektlosigkeit.

Es kam anders. Die Aufklärung ist auf dem Rückzug. Umso wichtiger ist es, sie zu verteidigen, auch und gerade mit der entwaffnenden Waffe des Humors.

Also darf Satire alles? So einfach, wie es dem liberalen Geist erscheinen mag, ist es nicht. Denn was gilt, wenn deutsche Neonazis den Holocaust ins Lächerliche ziehen? Wenn Islamisten Terror-Opfer verspotten? Wenn Minderheiten verhöhnt werden, um sie danach umso leichter verfolgen zu können? Die Antwort muss lauten: Satire darf vieles - doch selbst sie hat Grenzen, zum Beispiel im Recht auf Leben und in der Würde des Menschen. Satire, die zur Gewalt aufwiegelt, ist genauso verboten wie Satire, die nur verkleidete Verleumdung ist.

Gesetzgeber und Gerichte in den liberalen Staaten haben aufgezeigt, wie Konflikte zwischen der Meinungsfreiheit hier und den Persönlichkeitsrechten dort zu lösen sind. Dabei gilt: Im Zweifel für die Meinungsfreiheit. Sie schützt vor allein selig machenden Wahrheiten und totalitärem Denken.

Im Fall Erdoğan kommt zu Kritikfreiheit und Persönlichkeitsschutz jedoch noch eine dritte Kategorie hinzu: die der internationalen Politik. Kritik an ausländischen Politikern kann, zumal wenn sie satirisch ist, bilaterale Krisen auslösen. Mohammed-Karikaturen, die im Westen erscheinen, können in muslimischen Ländern zu Unruhen mit vielen Toten führen. Das ist schon geschehen.

Politiker und Diplomaten tun daher oft gut daran, Kritik höflich vorzutragen und auf Spott zu verzichten. So war es verantwortungslos, als der damalige italienische Reformminister Roberto Calderoli 2006 im Staatsfernsehen in einem T-Shirt auftrat, das Mohammed-Karikaturen zeigte.

Für Künstler, Satiriker, Karikaturisten oder Journalisten gilt dieses Gebot der Zurückhaltung nicht; auch dann nicht, wenn die internationale Politik betroffen ist. Gerade weil Politiker dort oft leisetreten, braucht es andere Stimmen, die Tabus brechen, Missstände anprangern und die Allmächtigen mit Pfeilen ihres Spotts beschießen. Gerade weil Autokraten Kritiker im Inland mundtot machen, sollten die im Ausland umso lauter sprechen.

Das zeigt das Beispiel der Türkei. Viele Politiker der Europäischen Union kuschen vor Erdoğan, da sie ihn in der Flüchtlingskrise brauchen. Umso ungenierter gibt der Protz vom Bosporus daheim den Tyrannen. Dies muss die Satiriker in Europa auf den Plan rufen. Statt darüber zu toben, könnte sich Erdoğan an den Philosophen Epiktet halten, dem der Rat zugeschrieben wird: "Sagt man Böses von dir, und es ist wahr, bessere Dich. Sind es Lügen, lache darüber."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2925292
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 30.03.2016/bepe
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.