Sarrazin und die SPD Gabriels Fehler

Die Parteiführung, die die Einleitung des Rauswurfverfahrens im August einstimmig bei einer Enthaltung gebilligt hatte, steht jetzt macht-, fassungslos und durchnässt wie ein begossener Pudel da. Die Operation Sarrazin ist auf ganzer Linie gescheitert.

Sie stehen düpiert da: SPD-Chef Sigmar Gabriel und seine Generalsekretärin Andrea Nahles.

(Foto: dpa)

Beinahe tragisch, dass dieses Scheitern jetzt ausgerechnet mit Andrea Nahles verbunden wird. Sie hatte von Beginn an vor einem Ausschlussverfahren gewarnt. Es war Parteichef Sigmar Gabriel, der dafür nach anfänglichem Zögern grünes Licht gegeben hat. Viel zu spät hat er erkannt, dass es so oder so für einen Rauswurf Sarrazins nicht reichen würde. Nahles hat nichts anderes versucht, als ihrem ungeliebten Chef die Kohlen aus dem Feuer zu holen.

Immerhin, es gab eine kleine Hoffnung, dass Sarrazin zur Vernunft gekommen sein könnte. Ein Trugschluss. Bis zum Gründonnerstag hat sich Sarrazin kaum noch öffentlich zu Wort gemeldet. Aber er war einfach nur vorsichtig, wollte seine SPD-Mitgliedschaft nicht mit unbedachten Äußerungen aus Spiel setzen. Die braucht er nämlich, um seine kruden Thesen unters Volk bringen zu können. Es ist ja genau diese Mischung, die ihn für die Menschen so interessant macht: Ein prominentes SPD-Mitglied, das mal ganz ehrlich nichts gegen Ausländer hat, aber ...

Die Wirkung des Parteibuchs

Ohne Parteibuch hätte er wahrscheinlich das gleiche Schicksal erlitten wie weiland ein gewisser Wolfgang Clement. Der frühere Superwirtschaftsminister der Schröder-Regierung und NRW-Ministerpräsident war zuletzt auch nur noch mit Stänkereien gegen die eigene Partei aufgefallen. Einem Rauswurf kam er durch Austritt zuvor. Seitdem will keiner mehr etwas von ihm wissen.

Die SPD wird Sarrazin jetzt nicht mehr so schnell los. Ein drittes Ausschlussverfahren wird es nicht geben - zumal die SPD-Anhänger mehrheitlich mit Sarrazins Thesen sympathisieren. Das mag der SPD-Spitze peinlich sein, aber auch sie kann sich ihre Mitglieder nicht aussuchen. In einer aktuellen Umfrage für das Magazin Stern begrüßen 49 Prozent der SPD-Wähler den Verbleib Sarrazins in der Partei - unter allen Befragten sind es sogar 54 Prozent.

Die Sozialdemokraten können nur hoffen, dass der Hype um Sarrazin schnell wieder abebbt. Wahrscheinlich ist das nicht. Der 66-Jährige wird immer wieder Gelegenheit finden, sich über Migranten so zu äußern, dass einem der Kamm schwillt. Statt ihn totzuschweigen, ihn zu ignorieren, hat die SPD-Führung ihn nur noch stärker gemacht. Der Dank dafür geht an Sigmar Gabriel.