Sarrazin: Neues Buch:Selbsterklärter Aufklärer

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Auf jeder zweiten Seite des Schlusskapitels wird deutlich, wie sich Sarrazin inszenieren will: als "eine Person des öffentlichen Lebens", welche "elementare Lebenszusammenhänge knapp und klar auf den Punkt bringt", wie er im Buch schreibt. Deswegen festigt jede öffentliche Klage über Sarrazin seine Position in der medialen Öffentlichkeit.

Christian Geyer hat in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung diesen Zusammenhang prägnant formuliert: "Sarrazins Marktwert würde schlagartig in den Keller fallen, wenn er selbst aus der SPD austräte oder als Vorstand der Bundesbank zurückträte. Umgekehrt würde sein Marktwert rapide steigen, wenn er aus Bank und Partei herausgeworfen würde." Dann könnte er sich als Opfer und Märtyrer stilisieren. Geyer analysiert vermutlich richtig, dass weder Bundesbank-Chef Axel Weber noch SPD-Chef Sigmar Gabriel Sarrazin diesen Gefallen tun werden.

Ein Anschlag als Beginn der Wende

Bleibt nun noch die Frage nach der positiven Vision Sarrazins für Deutschland. Auch hier spielt er mit der Angst der Menschen. Erst ein Sprengstoffattentat im Mai 2013, bei dem in Berlin 73 Menschen sterben, sorgt für ein Umdenken in der Politik. Nach Anschlägen in Rom und Paris ändert die EU die Regeln für den Zuzug von Einwanderern und kontrolliert die Grenzen des Schengen-Raums viel schärfer. Dass ein solcher Schritt ausreichen würde, um die illegale Migration in die EU auf weniger als 100.000 Personen zu senken, mutet weltfremd an: Nur der Preis, den die Menschen aus den ärmeren Regionen den Schleppern zahlen müssten, würde deutlich steigen.

Das Programm der im September 2013 gewählten Bundesregierung enthält sinnvolle Punkte: Es gibt Ganztagsschulen und -kindergärten, in denen für Migrantenkinder der Spracherwerb im Mittelpunkt steht und ein kostenloses Mittagessen für alle angeboten wird. Zudem gibt es strenge Strafen für jene Eltern, die ihre Kinder nicht in die Kitas oder Schule bringen.

An einem Punkt der Traum-Vision wird deutlich, wie biologisch der Bundesbank-Vorstand argumentiert: Die Zahl der Geburten sei durch staatliche Förderung so zu steuern, dass vor allem Frauen mit hohem und mittlerem Einkommen Kinder bekommen. Triumphierend schreibt Sarrazin, dass - nach Einführung dieser Maßnahmen - bei den Migranten aus Nah- und Mittelost sowie aus Afrika dank der Reformen "deren Fruchtbarkeit unter den bundesweiten Durchschnitt sank".

Er suggeriert auf gefährlich simple Weise: Man müsse nur ein paar Gesetze ändern und deren Einhaltung strenger kontrollieren, um die Probleme Deutschlands in einer globalisierten Welt zu lösen. Folgte die mutlose Politik dem klugen Bundesbank-Vorstand, so die Folgerung, dann blieben als wesentliche Erinnerung an die Zuwanderung nur die ausländisch klingenden Namen einiger prominenter Fußballer.

Folgerichtig beendet Sarrazin sein Buch mit einem lateinischen Zitat: "Hic Rhodus, hic salta!", zu Deutsch: "Hier ist Rhodos, springe!" Wer sich von dem künftigen Bestseller neue Anregungen für die Integrationsdebatte und sachliche Argumente erhofft hat, der wird erkennen: Thilo Sarrazin ist viel zu kurz gesprungen.

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