Sarrazin geht zur Bundesbank Rechnen und abrechnen

Sarrazin ist ins Erzählen gekommen, er kann das gut, und weil er sich selbst auch gern zuhört, lässt er sich nur ungern unterbrechen, wenig fragen, schwer lenken auf seinen Denkbahnen. Das haben sie auch in der Finanzverwaltung bald gemerkt, als er 2001 hier auftauchte. Ein Wesen von einem anderen Stern kam daher, ein intellektueller Managertyp, promovierter Volkswirt mit schnellem Rechner im Kopf, fachlich brillant, persönlich aber schwierig.

Trat 2002 das Amt des Berliner Finanzsenators an: Thilo Sarrazin

(Foto: Foto: ddp)

Sie haben also erst mal das getan, was sie hier immer getan haben und stapelten dem Neuen den Tisch mit Akten zu. Das war ein Symptom, fand er, nicht für den Fleiß der Beamten, sondern für die ganze ineffiziente Verwaltung des Landes. "Aktenvermerke, die so lang und so umständlich waren, dass man sie auch in anderthalb Stunden nicht bewältigen konnte", sagt Sarrazin.

"Vorlagen, die zu 80 Prozent gar nicht auf meiner Ebene zu entscheiden waren." Eine "verdeckte Sachbearbeiterherrschaft" hat er vorgefunden, bei der Beamte nur den Dienstweg abzeichneten und die Verantwortung dann zügig nach oben weiterreichten.

Als die Aktentürme seine Schultern erreichten, bestellte er einen Referatsleiter ein. Damals ging es um die Frage, ob Berlin den sozialen Wohnungsbau weiter fördern sollte, dort versickerten viele Millionen. Es erschien ein Beamter, Ende fünfzig, in nicht eben eleganter Kleidung.

Er hatte einen Stapel von Papieren mitgebracht, überall klebten gelbe Merkzettel, und so ähnlich strukturiert war wohl auch der mündliche Vortrag. "Da wurde ich etwas lauter." Fünf Seiten wollte Sarrazin, mehr nicht, mit allen relevanten Zahlen. Er hat den Papierstapel auf den Tisch geklatscht, und weil er "irgendwie schief" stand, rieselte ein Zettelregen auf den Boden. Sarrazin kichert jetzt vergnügt. "Der hat das Haus verlassen und sich dauerkrank gemeldet."

Die Leute wurden unruhig

Was er nicht erzählt, kann man sich dazudenken: Dass nicht der Senator, sondern der Referatsleiter auf dem Boden herumgekrochen und das Papier aufgesammelt haben dürfte. Solche Geschichten sprachen sich herum, Sarrazin wirft mit Akten, hieß es, stimmte gar nicht, sagt er.

Aber es schadete auch nichts, dass die Leute unruhig wurden. Wer etwas bewegen will in solchen Behörden, der darf nicht nett sein und muss "die Treppen von oben kehren", das ist Sarrazins Credo. Er hat also erst mal angefangen, Führungskräfte auszutauschen, ein Jahr später waren alle Leitungsposten neu ausgeschrieben und 30 Prozent Kosten eingespart.

Nun gab es aber nicht nur Erfolgsgeschichten in der Amtszeit des Thilo Sarrazin. Für die Schulen war dieser Kassenwart eine Katastrophe, sagt die Vorsitzende der Berliner Lehrergewerkschaft, Rose-Marie Seggelke, vieles sei da kaputtgespart worden.

Auch die Polizisten klagen, die Sozialarbeiter, die Jugendämter, die in Sarrazins Knauserei keinen Sinn erkennen. In den ersten Jahren reichte es vielleicht, als Garant der Haushaltssanierung aufzutreten, sagt die Fraktionschefin der Linkspartei im Abgeordnetenhaus, Carola Bluhm, aber jetzt fehlt ein inhaltliches Konzept, wo es hingeht.

Thilo Sarrazin kennt die Kritik und pariert sie immer gleich mit einem Gegenangriff. Die Kollegen wollen Geld, sagt er, das können sie haben, aber nur, wenn es vernünftig angelegt wird. Also guckt er sich ihre Pläne halt an und wirft auch mal einen Blick in ihre Verwaltungen. Was er da sieht, gefällt ihm nicht, er versucht das vorsichtig auszudrücken. "Es hat sich ja schon viel verbessert in Berlin, aber eben nicht genug. In weiten Bereichen der Verwaltung geht es nach wie vor etwas unstrukturiert zu. Es gibt da ganze Führungsebenen, die ihre Verantwortung nicht ausreichend wahrnehmen."

Managementkurs für Schulleiter

Die Schulverwaltung ist so eine Zone, die ihm wenig Freude bereitet. Sarrazin ist seit seiner Studentenzeit mit einer Grundschullehrerin verheiratet. Sie erzählt ihm oft, was in Berliner Schulen so los ist und dass es da fehlt, nicht nur bei der Leistung der Schüler. "Wir brauchen eine vernünftige Schulverwaltung, vernünftige Schulräte, vernünftige Schulleiter", sagt er. Gibt es die nicht? Schweigen.

"Die Schulleiter würde ich allesamt einem Managementkurs unterziehen." Wie wäre es denn mit etwas mehr Geld für die Bildung? Er winkt jetzt ab. "In das System können sie so viel Geld reinstecken, wie sie wollen. Da wird sich ohne grundlegend andere Ansätze nichts ändern. Und wenn sich nichts ändert, können wir doch gleich Geld sparen."

Ein paar Tage später, Hintergrundgespräch im Hause Sarrazin, an einem langen Tisch sitzen Journalisten und essen Brote, der Senator macht eine Flasche Pils auf, und dann geht es los. Das hier ist so eine Art Mathe-Nachhilfestunde, Zettel werden verteilt mit bunten Kurven und Linien.

Das eine sind Ausgaben des Landes Berlin, die sind in den letzten Jahren nach unten gesackt. Das andere sind die Steuereinnahmen, die sind gestiegen. Und jetzt kommt die Finanzkrise, und die Linien verknoten sich heillos ineinander.

Berlin muss jetzt neue Schulden aufnehmen, überall werden Konjunkturpakete geschnürt, gleichzeitig brechen die Steuereinnahmen weg, "kreuzgefährlich" findet Sarrazin das, und er bezweifelt, dass diese Maßnahmen irgendjemandem nutzen. "Ich bestehe nur noch aus Unbehagen", wird er noch sagen, bevor er seinen Mantel nimmt. Dann geht er, ohne sich umzudrehen, ein Herr, der es immer eilig hat.

Sarrazins Sprüche

"Kalt duschen ist viel gesünder"