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Sarrazin-Buch "Der neue Tugendterror":Sarrazins 14 Tugendterror-Thesen

Er habe in seinem ersten Buch "den Irrtum, das Medienbild sei die Wirklichkeit", nachgewiesen. Es sei Journalisten aber unmöglich gewesen, ihn als "Traumtänzer" abzutun - schließlich habe er zu den "kundigen Mechanikern" der Politik gehört und, wohlgemerkt, "sichtbare Erfolge" gehabt. "Also musste ich ein Verräter sein."

Nicht nur inhaltlich gebe es Gleichheitsapostel in den Medien, auch sprachlich. "Zigeuner" und mittlerweile sogar "Roma" seien verpönt. "Der Tag ist absehbar, an dem auch der Begriff Armutszuwanderer als rassistisch auf den Index kommt", wähnt Sarrazin. Für ihn das falsche Prinzip: "Wenn der Vogel Strauß den Kopf in den Sand steckt, so sieht er zwar den angreifenden Löwen nicht mehr, aber dieser verschwindet deshalb nicht." Dass ein angreifendes Raubtier das Migrantenbeispiel illustriert, mag Zufall sein.

Zuletzt definiert Sarrazin 14 angebliche Tugendterror-Thesen - und glaubt sie zu widerlegen. "Gleichheit ist gut", unterstellt er allen Journalisten als Credo. Und antwortet: Überall schlage der Fleißige den Faulen, der Kluge den Dummen - so entstehe Wissen und Wohlstand. "Reiche sollten sich schuldig fühlen", macht er als weitere These aus. "Ein Ausfluss von Neid", ohnehin sei aber die Mittelschicht seit Jahrzehnten stabil. Analysiert werden die Geistesfähigkeiten der Rassen und allen Ernstes die Frage, warum der Islam wirtschaftlichen Erfolg ausbremst.

Lebenslängliche Korsette statt Entwicklung und Gleichheitspostulat

Haben sich doch das hinduistische Indien und das islamische Pakistan abweichend entwickelt, obwohl beide einst Kronkolonie waren. Deshalb brauche Einwanderungspolitik Steuerung. "Das Leben unter einer Diktatur allein kann ebenso wenig wie Armut ein Asylgrund sein." Die Aufnahme sollte sich "primär nach den Nützlichkeitserwägungen" richten. Unterschiede zwischen Frau und Mann sowie heterosexuellen und schwulen Paaren ergänzen die Thesen.

Von Stammtischplumpheit ist Sarrazin jedoch entfernt, vieles ist hübsch in Fachsprache verpackt und mit allerlei Zahlenwerk garniert. Seine Argumentation hat er akkurat durchkomponiert, das Buch ist mit kühlem Kopf geschrieben. Aber auch mit kaltem Herzen. Denn das, was er als Gleichheitspostulat sieht, ist der Gedanke, dass sich in einer Gesellschaft Stärkere für die Schwächeren interessieren; dass Aufstieg möglich sein kann, dass Bildung bildet.

Sarrazin dagegen steckt Menschen in Korsette, diese sollen sie gefälligst lebenslang tragen. Dahinter steckt das Weltbild, mit dem er so gerne spielt: aus der Zeit der Hexenverbrennung. Wer das kritisiert, betreibt laut dem Buch Tugendterror. Dabei preist sich der Autor im Nachwort selbst: als "Diskussionsveteran".

Thilo Sarrazin: Der neue Tugendterror: Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland, DVA München 2014, 400 S., 22,99 Euro.

© SZ vom 25.02.2014/resi
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