Sarkozys Abschied Dauerläufer am Ende

Sarkozy zeigt sich als guter Verlierer: Artig gratuliert er dem Sieger und bedankt sich bei seinem Team. Die Franzosen lernten ihn als Choleriker, Abstinenzler und Bling-Bling-Präsidenten kennen. Jetzt zieht er sich aus der Politik zurück - abgestraft von den Wählern und bei seinem einstigen Förderer Jacques Chirac in Ungnade gefallen. Nur die Einwohner seiner Heimatstadt Neuilly werden ihn für eine Heldentat immer lieben.

Von Rudolph Chimelli, Paris

Bis zuletzt machte Nicolas Sarkozy gute Miene zum schon verlorenen Spiel. Am Morgen trat er in kurzen Hosen aus dem Élysée, um unter regnerischem Himmel im Garten des Präsidenten-Palais den täglichen Dauerlauf zu machen. Dann ging er mit seiner Frau Carla im Lycée Jean-de-la-Fontaine wählen und aß im Kreis der Familie zu Mittag. Während der Präsident am Nachmittag zusammen mit seinen engsten Mitarbeitern das Ergebnis abwartete, durften seine Leute auf der nahen Place de la Concorde noch weiter die Tribüne zur Siegesfeier aufbauen.

"Je vous aime - ich habe euch gern", so verabschiedete sich Nicolas Sarkozy von seinen Wahlkampfhelfern.

(Foto: dpa)

Doch schon am späten Nachmittag wusste der Kandidat, was in Frankreich noch niemand melden durfte, weil in den großen Städten die Stimmlokale bis 20 Uhr geöffnet blieben: Es wird für ihn keine zweite Amtszeit geben. Sarkozy ist nur noch eine gute Woche lang Präsident, bevor er die Insignien der Macht dem Sieger übergibt.

Von seinen Wahlkampfhelfern hatte er sich bereits am Vortag verabschiedet. "Je vous aime - ich habe euch gern", versicherte er ihnen. Am Sonntagabend trat er dann vor seine Anhänger, gratulierte artig François Hollande, dem neuen Präsidenten, kündigte zumindest indirekt seinen Ausstieg aus der Politik an und nahm die Verantwortung für die Niederlage auf sich. Seine Anhänger riefen: "Merci, merci!"

Sarkozy trinkt keinen Alkohol - das weckt in Frankreich wenig Sympathien

Im halben Jahrhundert der Fünften Republik ist Sarkozy erst der zweite Präsident, dem die Franzosen eine zweite Amtszeit versagen - und möglicherweise aus ähnlichen Motiven: Der erste war Valéry Giscard d'Estaing, den der Sozialist François Mitterrand 1981 ablöste.

In Giscards siebenjähriger Amtsperiode war die Zahl der Arbeitslosen um 1,6 Millionen gestiegen. Während des auf fünf Jahre verkürzten Mandats Sarkozys nahm die Zahl der Arbeitssuchenden um eine Million zu. Mehr noch als damals sind wirtschaftliche Sorgen heute für die Wähler mindestens so wichtig wie Ideologie.

Ein Staatschef wie seine Vorgänger war Sarkozy nicht. Niemand hätte ihn in einem der Antiquariate von Saint Germain überraschen können, in denen Mitterrand nach Raritäten stöberte. Schwerlich hätte Charles de Gaulle einen Zwischenrufer angepfiffen, so wie Sarkozy es getan hat: "Hau ab, du Trottel!" Er hat nicht die Elite-Hochschule ENA besucht, aber war auch nicht gemütlich wie Jacques Chirac, der Kalbskopf mit Corona-Bier liebte: Nicolas Sarkozy trinkt gar keinen Alkohol, was in Frankreich wenig Sympathien weckt.

"Reizbar, voreilig, selbstzufrieden und immun gegen Zweifel"

Chirac hatte Sarkozy protegiert, bis dieser den großen Verrat beging und für die Präsidentenwahl von 1995 dessen Konkurrenten Edouard Balladur unterstützte. Jetzt rächte sich Chirac. Im zweiten Teil seiner Memoiren, der in den nächsten Tagen erscheint, sagt der ältere Ex-Präsident über den jüngeren: "Wir haben nicht die gleiche Vision von Frankreich, in Grundsatzfragen sind wir nicht einig." Bei anderer Gelegenheit nannte er Sarkozy "reizbar, voreilig, selbstzufrieden und immun gegen Zweifel, vor allem an sich selbst".

Sarkozy wurden zudem seine neureichen Allüren verübelt. Seine Vorliebe für teure Uhren und Gastspiele auf Luxus-Yachten brachten ihm den Spitznamen "Bling-Bling-Präsident" ein. Zeitweilig beschäftigten seine Scheidung von Ehefrau Cécilia und seine Ehe mit Carla Bruni die Medien mehr als Weltprobleme.

Als Bürgermeister begab sich Sarkozy in die Gewalt eines Geiselnehmers

Einige Reformen paukte Sarkozy gegen den Widerstand breiter Schichten durch, die um ihre Privilegien fürchten. Das Rentenalter wurde von 60 auf 62 Jahre erhöht, die Begrenzung der Arbeitszeit auf 35 Stunden wurde gelockert, die Modernisierung der Hochschulen wurde in Angriff genommen. In der internationalen Politik zeigte sich der Präsident als Atlantiker und bemühte sich um die Schlichtung des Konflikts zwischen Russland und Georgien. Er war es, der die Nato in den Krieg gegen Libyen drängte.

Im Pariser Vorort Neuilly, dessen Bürgermeister Nicolas Sarkozy lange war, ist seine große Stunde unvergessen. Als ein Verbrecher 1993 einen Kindergarten besetzt hielt, begab sich Sarkozy in dessen Gewalt und erreichte die Befreiung der kleinen Geiseln.