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Sarah Palin:Heilsbringerin auf Abwegen

Für die religiöse Rechte ist Sarah Palins Kandidatur ein Zeichen Gottes. Auch Palin selbst scheint an einen heiligen Krieg zu glauben.

Als John McCain Sarah Palin zu seiner Kandidatin für die Vizepräsidentschaft erkoren hatte, waren die Führer der religiösen Rechten überglücklich. Tony Perkins, Präsident des Family Research Council, nannte die Entscheidung "brillant"; Richard Land, Sprecher der Southern Baptist Convention, der Palin im August McCains Wahlkampfteam vorgeschlagen hatte, erklärte, er sei "außer sich vor Freude"; und James Dobson, Gründer von Focus on the Family, meinte, es sei der glücklichste Tag für ihn seit der Amtseinführung von Ronald Reagan.

Sarah Palin begeistert die religiöse Rechte - ihre Anhänger betrachten Palins Vizekandidatur als Zeichen Gottes.

(Foto: Foto: AP)

Diese Männer hatten guten Grund zu jubeln. McCain schien endlich eingesehen zu haben, dass er sie braucht. Bei seinem Wahlsieg könnten sie nun für sich in Anspruch nehmen, die Stimmen der Evangelikalen mobilisiert zu haben, und sie könnten das Mitspracherecht einfordern, das ihnen von der Bush-Regierung zugestanden worden war.

Sarah Palin selbst war beinahe zu perfekt, um wahr zu sein. Egal, ob es um Fragen wie Abtreibung, Homo-Ehe, Sozialleistungen für unverheiratete Lebenspartner, Stammzellenforschung, sexuelle Enthaltsamkeit oder Kreationismus als Unterrichtsfach an öffentlichen Schulen ging - sie teilte bei all diesen Themen ihre Meinung. Palin tritt für das Recht auf Waffenbesitz und niedrige Steuern ein, und wie sie beim Parteikonvent der Republikaner gezeigt hatte, konnte sie auch das Feuer populistischer Ressentiments neu entfachen. "Sarah Palin ist die Antwort Gottes", war Dobsons Kommentar.

Palin begeistert die Frauen in den Gemeinden

Die Palin-Begeisterung der religiösen Rechten ist indes nicht frei von Widersprüchen. Vor acht Jahren hatte die Southern Baptist Convention unter Führung von Richard Land und anderen Konservativen erstmals öffentlich erklärt, Frauen kämen als Pastoren nicht in Betracht, und Ehefrauen hätten sich ihren Männern unterzuordnen. Viele Führer der religiösen Rechten hatten ohnehin jahrelang die Ansicht vertreten, berufstätige Frauen und eine zu lockere Kindererziehung seien ein Übel, das zum Verfall der amerikanischen Kultur geführt hat.

Aus unerfindlichen Gründen begeistert Palin die Frauen in den Gemeinden. "Die sind wie von Sinnen", sagt Land über die Frauen in seinem Büro. "Da spielt sich etwas ab unter unseren Schwestern in den evangelikalen Freikirchen, zu dem ich keinen Zugang habe, aber es ist da." Wie viele andere Frauen mühen sich diese "Schwestern" ab, ihre Kinder aufzuziehen und mit schlecht bezahlten Jobs finanziell über die Runden zu kommen. Sarah Palin, die Hockey-Mom, ist jemand, mit dem sie sich identifizieren können. Gleichzeitig erscheint sie ihnen wie die personifizierte Erfüllung ihrer Träume: Eine Schönheitskönigin, die an die Macht gekommen ist, weil sie sich korrupten Mitgliedern des männlichen Establishments mutig in den Weg gestellt hat. Hier war es also, das neue amerikanische Idol - und die Lösung eines Problems, von dem die Führer der religiösen Rechten bisher nicht einmal gewusst hatten, dass es existierte.

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