bedeckt München
vgwortpixel

Sarah Palin: Autobiographie:Wutausbruch zwischen Buchdeckeln

"Außer Kontrolle geraten": Sarah Palin rechnet in einer Autobiographie mit ihren Parteifreunden bei den Republikanern ab. Sie lästert vor allem über John McCains Team.

Es dürfte ohne Zweifel eines der erfolgreichsten politischen Bücher der letzten Jahre in den USA werden: Die erste Auflage umfasst bereits 1,5 Millionen Exemplare.

In ihrer Autobiographie rechnet Sarah Palin gnadenlos mit den Leuten ab, die ihr zu weltweiter Prominenz verholfen haben.

(Foto: Foto: dpa)

Und es wird weiter dazu beitragen, dass sich seine Autorin neben Hillary Clinton fest als Amerikas bekannteste und einflussreichste Politikerin etabliert: An diesem Dienstag kommt offiziell die Autobiografie von Sarah Palin heraus, der republikanischen Politikerin und ehemaligen Gouverneurin von Alaska, die vor einem guten Jahr außerhalb des US-Bundesstaates am Polarkreis noch niemand kannte.

Im Sommer 2008 wurde sie in die Polit-Prominenz der Vereinigten Staaten katapultiert, als der damalige republikanische Präsidentschaftsbewerber John McCain in einem verzweifelten Versuch, neue politische Schubkraft zu gewinnen, sie überraschend zu seiner Vizepräsidentschaftskandidatin machte. Seither hat sie es verstanden, in den Schlagzeilen zu bleiben und sich als die prominenteste Sprecherin der Parteirechten bei den Republikanern zu etablieren. Nicht wenige sehen in dem Buch auch den Versuch, den Grundstock für eine Präsidentschaftskandidatur im Jahr 2012 zu legen.

"Außer Kontrolle geraten"

"Going Rogue" ist der Titel in den USA, was in etwa so viel bedeutet wie "außer Kontrolle geraten". Es ist eine Anspielung auf eine vielzitierte Äußerung eines genervten Mitarbeiters McCains während des Wahlkampfs, der in ständiger Furcht lebte, dass Palin sich nicht im Griff hatte und mit wenig geschliffenen Äußerungen ihre politische Ahnungslosigkeit offenbaren würde - was dann auch eintrat. Laut einer Umfrage des Kabelsenders CNN erachten heute zwei Drittel aller Amerikaner sie als ungeeignet fürs Präsidentenamt.

In dem Buch nun rechnet Palin gnadenlos mit den Leuten ab, die ihr zu weltweiter Prominenz verholfen haben. Die 45-jährige Politikerin schildert McCains Wahlkampfteam als unorganisiert und schwerfällig. Vor allem, als klar wurde, dass Angst vor der Wirtschaftskrise die Wahl entscheiden würde, hätten McCains Leute nicht reagiert.

Und zu allem Überfluss habe ihr die Kampagne nach der Wahlniederlage auch noch 50.000 Dollar in Rechnung gestellt für das sogenannte vetting, also den Prozess vor der Bekanntgabe ihrer Kandidatur, als Anwälte und politische Berater McCains ihre persönliche und politische Vergangenheit abgeklopft hatten (und dabei offenkundig übersahen, dass Palins minderjährige Tochter hochschwanger war, was dann postwendend im Wahlkampf publik wurde).

Palin versucht sich in ihrem Buch als Sprecherin der Durchschnittsamerikaner darzustellen. "Wir wissen", schreibt sie über sich und ihren Ehemann Todd, "wie es ist, wenn man wenig Geld hat und die Krankenversicherung bezahlen muss und dann auch noch die College-Gebühren für die Kinder." Für die Politik gebe es keine bessere Vorbereitung, als Mutter zu sein, schreibt sie weiter und ergänzt: "Wir hatten das Gefühl, dass unsere Normalität, unser Leben als durchschnittliche Amerikaner einen frischen Luftzug nach Washington hätte bringen können." Politisch beansprucht Palin die Nachfolge Ronald Reagans, des Präsidenten der achtziger Jahre, der von den Republikanern hochverehrt wird. Wie er sei sie eine "Konservative mit gesundem Menschenverstand".

Auch einige sehr persönliche Passagen finden sich in dem Buch, etwa über ihr jüngstes, am Down-Syndrom leidendes Kind. Zuerst habe sie gedacht, das nicht schaffen zu können und Verständnis für alle Frauen gehabt, die "das Problem einfach nur loswerden wollen". Sie habe sich aber entschlossen, das Kind zu behalten: "Mein Leben ist in Gottes Hand. Und ich lege meinen Lesern nahe, das zu tun, was ich vor vielen Jahren tat, und Gott zu bitten, die Führung zu übernehmen."

Ihr einstiger Boss McCain macht gute Miene zum bösen Spiel. Palin ließ ihm ein signiertes Exemplar vorab schicken. Der Senator bedankte sich artig öffentlich und kündigte etwas steif an, dass er Palins Einlassungen "mit Interesse" lesen werde.

Tatsächlich hat er nach Informationen des US-Fernsehsenders ABC seine Vertrauten aus der Wahlkampfkampagne am Freitag per Konferenzschaltung telefonisch zusammengetrommelt und sich für das Buch entschuldigt: "Auch das wird vorübergehen", soll er seinen ehemaligen Mitarbeitern gesagt haben, "und es wird schneller vorbeigehen, wenn sich keiner auf Diskussionen einlässt." McCains Kampagnenmanager Steve Schmidt zumindest hat sich an den Rat nicht gehalten. Er sagte schlicht: "Alles frei erfunden."

© SZ vom 17.11.2009/mati/segi
Zur SZ-Startseite