bedeckt München 17°

Sammeln im Wandel der Zeit:Halbgötter der Kindheit

Vom Zinnsoldaten zum Commodore-Computer: Der Geschmack vieler Sammler hat sich verändert. Manche Objekte prägen so stark, dass Menschen noch Jahrzehnte später ihrem Reiz verfallen.

Von David Pfeifer

Wer wissen will, was den etwas sonderbaren Menschenschlag der Sammler ausmacht, sollte jemanden fragen, der mit ihnen seinen Lebensunterhalt verdient. Der Engländer Simon Kidston, wohnhaft in Genf und weltweit zu Hause auf Oldtimer-Schauen, vermittelt reichen Sammlern seit Jahren auffällige Autos gegen Provision. Trifft man Kidston, 48, smart, blond, perfekt sitzender Sommeranzug, in Genf zum Mittagessen, bestellt er leichten Weißwein zur Pasta und hat die Rechnung diskret beglichen, bevor man "bitte einen Bewirtungsbeleg" sagen kann.

Ferrari GTO und Testarossa sind die raren Modelle, mit denen er beispielsweise seine Kunden versorgt. Der Anschaffungspreis liegt häufig im zweistelligen Millionenbereich - in beiden Fällen für sehr anfällige, kaum noch TÜV-taugliche Flitzer, die unfassbar viel Treibstoff verbrennen. Doch: "Der Wert der Klassiker wird durch die Sammler definiert", sagt Kidston, "ein Ferrari Testarossa aus den 1950er-Jahren ist nicht häufiger gebaut oder schlechter verarbeitet worden als ein GTO - kostet aber nur zwei Drittel." Das eine Auto ist begehrt, das andere weniger, das macht am Ende seinen Wert aus. Sammeln ist vor allem eine Leidenschaft, "und Leidenschaft ist nun mal irrational." Fragt man Kidston, was er von den günstigeren sogenannten Youngtimern hält, den Porsches 911 und Mercedes Benz SL aus den 1970er- und 80er-Jahren, die wieder so beliebt sind, lächelt er wehmütig. Man kauft sich damit ein Stück seiner Jugend, etwas Unerreichbares, was man sich als Kind nicht leisten konnte. "Ein Deutscher wird einen Porsche oder einen Mercedes SL wollen - ein Amerikaner eher eine alte Corvette oder einen Mustang."

Nostalgie, eine leichte Verrücktheit und Leidenschaft - all das zeichnet Sammler aus. In den vergangenen Jahren kann man allerdings klare Änderungen bei den Objekten der Begierde beobachten. Der klassische Sammler verband seine Obsession gerne mit Geschichtsbewusstsein oder einem semiwissenschaftlichen Technikinteresse, was auf Briefmarken, Modelleisenbahnen, Münzen, Uhren oder Zinnsoldaten zutrifft. Es ist eine Leidenschaft, die verblasst. Jüngere Sammler, und dies reicht hier gut bis ins fünfte Lebensjahrzehnt, neigen dazu, die eigenen biografischen Prägungen zu etwas Vorzeigbarem zu veredeln. Sie sammeln Comics, Turnschuhe, "Star Wars"-Figuren, die Autos, die sie als Kind im Matchbox-Sammelkoffer ganz oben eingeordnet haben - und natürlich Schallplatten. Mit CDs oder gar MP3s funktioniert das nicht: Der Sammler muss anfassen, benutzen und vor allem herzeigen können. Deswegen spricht man bei Schallplatten erst von einer Sammlung, wenn man die Menge in Metern angeben kann. Autos hingegen sammelt schon, wer nur einen ausgefallenen Wagen besitzt, aber keinen braucht.

Es fängt oft schon mit dem Panini-Album an - in seiner sinnlosesten Form

Das Sammeln liegt den Menschen spätestens seit der Steinzeit in den Genen. Die zwei Charaktertypen, in die sich bereits die Neandertaler einteilen ließen, waren die Jäger und die Sammler. Heute freilich geht es nicht mehr um Nüsschen für eine Zwischenmahlzeit. Gesammelt wird alles, was sich sammeln lässt. In ihrer sinnlosesten Form taucht diese Leidenschaft häufig schon in jungen Männerbiografien auf, wenn diese das Panini-Album für sich entdecken. Spätestens beim ersten großen Fußballwettbewerb lernen Jungs - und immer mehr Mädchen-, wie heillos man sich in die Suche nach raren Aufklebern hineinsteigern kann. Der Sammler wird zum Jäger. In diesem Moment verändert sich die Weltsicht, aus einer unübersichtlichen Menge an Möglichkeiten kristallisiert sich eine Sehnsucht heraus. Der Panini-Kleber lernt Fußballspieler kennen aus Ländern, die er vorher nicht mal auf der Landkarte gefunden hätte.

Illustration: Stefan Dimitrov

Wohin das führen kann, errechnete kürzlich der Direktor der Nürtingen-Grundschule in Berlin-Kreuzberg mit einer Klasse im Mathematik-Unterricht zur EM 2016: Ein Panini-Album ist demnach für nicht weniger als 95 Euro vollständig zu bestücken. Da man allerdings viele Bilder doppelt aus den Tütchen zieht und nicht alle tauschen kann, kommt er am Ende eher auf 240 Euro pro Album. Ganz schön viel Taschengeld für einen dicken Packen Papier, auf den krumm und schief Spielerporträts geklebt werden, die zum Teil wegen Verletzungen nicht mal zum Turnier antreten können. Die Alben sind kurz nach ihrer Fertigstellung bereits nichts mehr wert. Eigentlich Irrsinn.

Wer sich einer Leidenschaft verschreibt, wirkt auf sein Umfeld häufig etwas sonderbar. "Nerd" ist die moderne Bezeichnung für diesen Menschentyp. Der passende deutsche Begriff wäre: Fachidiot. Dabei wird allerdings nicht Idiotie, sondern Wissen angehäuft. Nur eben über eine Sache, die nicht viele nachvollziehen können. Schrankweise Turnschuhe? Entwertete Briefmarken? Alte Spielfiguren? Braucht kein Mensch. Aber in ihnen spiegelt sich eben Geschichte wider, häufig auch eine persönliche.

Wer 1978 in "Star Wars - Episode IV" ging, der damals noch als "Krieg der Sterne" in den Kinos lief, wünschte sich natürlich die Action-Figuren und Raumschiff-Modelle, die kurz darauf für viel Geld in den Spielwarenläden auftauchten. Als junger Erwachsener konnte man sie sich später selber kaufen, ein Akt der Selbstermächtigung, wie der Führerschein oder die erste eigene Wohnung. Allerdings war man da womöglich schon zu alt, um auf dem Boden herumzurobben und Episoden des Sternenkriegs nachzuspielen. So blieben viele Spielfiguren in der Originalverpackung und vermehrten so ihren Wert. Vor allem für andere erwachsene Sammler, denen eine bestimmte Figur fehlte, möglichst im Originalzustand. Der Spielzeug-Darth-Vader aus der ersten Serie von 1978 würde heute mit gut erhaltenem - sehr empfindlichem - doppelten Lichtschwert etwa 7000 Euro bringen.

Die größten Nerds und Sammler der aktuellen Popkultur sind die Helden der Fernsehserie "The Big Bang Theory". Die zwei Physiker Leonard und Sheldon leben in einer WG zusammen und bedrohen sich häufig gegenseitig damit, ein Comic-Heft, das in "Mint"-Zustand ist - also ungelesen -, zu verschandeln. Oder die Originalverpackung einer "Star Wars"-Spielfigur aufzureißen, was deren Wert fast vernichten würde. Beide sind sozial leicht dysfunktional, zumindest Sheldon leidet unter Aspergersyndrom, wirkt also empathisch benachteiligt - aber hochintelligent. Sammler forschen, wie Wissenschaftler auch, eher in die Tiefe als in die Breite. Wer die Welt durch ein Elektronenmikroskop betrachtet, kann damit nicht gleichzeitig in die Sterne blicken.

420 Euro

So viel kostete der "StarWars"-Todesstern, den die Firma Lego gleich ab Werk nur für Sammler aufgelegt hat. Für ein Geschenk ist das schon ganz schön viel Geld. Mittlerweile allerdings wird ein neues Set bei Amazon schon für mehr als 3000 Euro gehandelt.

Mit dem Sammeln betritt man ein Paralleluniversum, das sich eigenen Regeln unterwirft und in dem eine eigene Sprache gesprochen wird. Wer sich für Youngtimer begeistert und einen Mercedes 280 SL aus den 80er-Jahren kauft, weil er das Traumauto seiner Jugend endlich bezahlen kann, wird bald nicht mehr sagen, dass er einen 280 SL besitzt. Sondern immer: einen SL R 107. Mercedes arbeitet mit Kürzeln (280 für die Motorgröße und SL für "Sport Leicht") - der Fachidiot aber zeigt seine Expertise, indem er darauf hinweist, dass es dazu Baureihen gab, die jeder andere Experte gleich vor Augen hat: Der SL, so wie ihn Bobby Ewing in der TV-Serie "Dallas" fährt, entstammt der Baureihe R 107 und wurde in den Jahren von 1971 bis 1989 gebaut. Das dazugehörige Baujahr ist dann nur noch wichtig, um die Scheinwerfer- und Stoßstangenform im Geiste abzurufen. Man versteht sich also auf Anhieb unter Nerds, keine schlechte Basis für eine Freundschaft. Auch deswegen gibt es so viele Vereine und Tauschbörsen für jede noch so spezielle Klientel. Unsozial sind Sammler selten.

Manchmal kracht es allerdings schon im zwischenmenschlichen Bereich: Denn dass eine Sammlung automatisch Wert bildet, sich die eigene Leidenschaft also irgendwie mal auszahlen könnte, das erzählt man meistens dem Lebenspartner, um den überfüllten Dachboden, den vollgestopften Keller, die zugeparkte Garage oder das teure Lager zu rechtfertigen. Der größte Stresstest für die Beziehung sind freilich Sammlungen, die ästhetisch eine gewisse Nachsichtigkeit verlangen. Wie die Innereien von Überraschungseiern, Bierkrüge oder ausgestorbene Produkte der Computerhistorie.

Hier bestimmt nicht die Ästhetik, sondern nur die Seltenheit den Wert. Wie beim Commodore 65 (ja, fünfundsechzig). Im Gegensatz zu seinem enorm populären Vorgänger, dem C64, war der 65 schon bei Marktreife ein Flop, weswegen nur etwa 250 Stück hergestellt wurden - die heute auf Ebay rund 6000 Euro wert sind.

Natürlich könnte man versuchen, aus diesen Phänomenen ein Geschäft zu machen. Allerdings wäre es dann ein Beruf und keine reine Leidenschaft mehr. Selbst dann wäre es ein hohes Risiko. Zum Beispiel bei den erwähnten Youngtimern wie dem Porsche 911 oder dem SL R 107. Auch wenn sie bei Sammlern beliebt sind und damit stetig im Anschaffungspreis steigen - "als Wertanlage taugen solche Fahrzeuge nichts", sagt Simon Kidston zum Abschied. Die Garage, die Reparatur, die seltenen Teile, der Unterhalt, all das kostet Geld, deutlich mehr, als das Auto an Wert gewinnt. Das Anlageargument ist nur der Versuch, etwas so sinnlos Schönem wie der Leidenschaft Sinn einzuhauchen.

© SZ vom 13.08.2016
Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB