Süddeutsche Zeitung

Ein Bild und seine Geschichte:Als Salzburg in Flammen stand

In einer Küche passiert ein Missgeschick, bald brennt es lichterloh - und ein Irrtum macht alles noch schlimmer. Rückblick auf die Brandkatastrophe vom Frühjahr 1818 in der österreichischen Stadt.

Löste ein hochadeliger Militär indirekt ein Großfeuer aus, das vor 201 Jahren halb Salzburg in Schutt und Asche legte? Zumindest wären wohl einige Dinge anders gelaufen, wenn Ferdinand Friedrich August von Württemberg es sich anders überlegt hätte, wenn er in Wien geblieben wäre. Seinen offenkundig morschen Knochen hätte das auch gutgetan. Doch es kam anders an jenem Christi-Himmelfahrts-Tag, der die Geschichte der Stadt eingehend prägen sollte.

Am Morgen des 30. April 1818 ist der bevorstehende Besuch des württembergischen Prinzen das große Thema in Salzburg. Der Mann gilt damals als Promi: Veteran des letzten Türkenkrieges, Kämpfer gegen Napoleon, Träger zahlreicher Orden, und vom Kaiser wurde er zum Feldmarschall erhoben. Verheiratet ist er mit der Schwester des legendären Staatskanzlers Metternich. Derzeit amtiert der Prinz als Militärgouverneur von Österreich und will die Stadt an der Salzach inspizieren - die Habsburger haben sich das Fürstbistum Salzburg erst zwei Jahre zuvor in ihr Reich einverleibt.

Ein Bild und seine Geschichte

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Am Abend des 30. April 1818 wird kaum mehr jemand über den Feldmarschall sprechen, es geht um Existenzielleres: Das Feuer, das die Altstadt rechts der Salzach seit dem späten Vormittag verschlingt. Schnell breiten sich die Flammen aus, Föhnwinde fachen den Brand an. Versuche schlagen fehl, mit primitiven Handpumpen, nassen Tüchern und Wassereimern den Brand aufzuhalten.

Eine professionelle Feuerwehr gibt es damals noch nicht. Sobald die Nachricht in den umliegenden Ortschaften und Städten eintrifft, machen sich Helfer auf den Weg, auch aus dem mehr als 30 Kilometer entfernten bayerischen Traunstein eilen Männer nach Salzburg.

Am Ende sind zwölf Menschen tot - manchen Quellen zufolge sind es deutlich mehr - und die halbe Altstadt liegt zerstört da. Das Schloss Mirabell brennt ab, auch die Lodronschen Paläste und drei Kirchen, ebenso der Friedhof, auf dem die Angehörigen von Wolfgang Amadeus Mozart begraben sind, ist verwüstet. Das Inferno soll dermaßen groß gewesen sein, dass selbst im 100 Kilometer entfernten München die Menschen angeblich den Flammenschein am Himmel sehen.

Vier Tage und vier Nächte hindurch soll es gebrannt haben. Noch während einige Brandherde glühen, beginnt die Suche nach der Ursache. Eine Kommission vernimmt unzählige Personen, bald ist klar, wo das Feuer ausgebrochen ist. Im ehemaligen Priesterhaus bei der Dreifaltigkeitskirche, das als Kaserne genutzt wurde.

Ein Schornsteinfeger gibt den entscheidenden Hinweis

Den Durchbruch bei den Ermittlungen bringt ein Schornsteinfeger, in Österreich "Rauchfangkehrer" genannt: Er entdeckt verbranntes Schmalz an einem Kamin - Spuren einer Fettexplosion. Bald gibt es eine Verdächtige: Elisabeth Trepka, 20 Jahre alt, Ehefrau eines Patrouillenführers. Sie gibt schließlich zu, in der Küche im zweiten Stock gekocht zu haben, angeblich wollte sie Fisch zubereiten. Was offenkundig passiert war: Trepka stellte eine Schmalzpfanne neben das offene Feuer, über dem ein Topf mit Wasser brodelt. Die Frau verlässt kurz die Küche, das Wasser kocht über, reagiert mit dem heißen Schmalz - Explosion, alles fängt Feuer.

Der Hausbrand kann auch deshalb zur Katastrophe werden, weil die dort untergebrachten Soldaten des 1. Jäger Bataillons ausgerückt waren. Sie warten am verhängnisvollen Tag auf Ferdinand Friedrich August von Württemberg, um für ihn zu paradieren. Schaulustige sind auch zum Residenzplatz geströmt - noch weniger potenzielle Helfer waren also auf der anderen Seite des Flusses, wo die ersten Flammen züngeln. Es kommt noch schlimmer: Hoch oben, auf der Festung Hohensalzburg, sieht man das Feuer auf der anderen Salzachseite. Man gibt einen Kanonenschuss ab, um die Bevölkerung zu alarmieren. Doch der Knall wird fehlinterpretiert als Zeichen dafür, dass der hochadelige Besuch im Anmarsch ist.

Soldatenfrau Elisabeth Trepka, die den Brand offenkundig ausgelöst hatte, wurde "arretiert, in Linz prozessiert und der Tatbestand dem k.k. Hofkriegsrate aktenmäßig angezeigt", notiert später der Salzburger Bürgermeister Anton von Heffter in sein Tagebuch. Auch dem Kaiser wurde der Schlussbericht vorgelegt. Trepka selbst wurde milde behandelt. Da sie nicht vorsätzlich gehandelt habe, sei ihr der Arrest als Strafe angerechnet worden, hieß es.

Der Salzburger Stadtbrand ist im Vergleich zu anderen Feuersbrünsten, wie in London 1666 und Lissabon 1755, das kleinere Inferno. Trotzdem löst das Geschehen damals eine grenzübergreifende Hilfswelle aus: Spenden für die obdachlos gewordene Bevölkerung und für den Wiederaufbau kommen sogar aus St. Petersburg und London, aber auch aus dem nahen Bayern. "Die Bürger des königl. Baier. Marktes zu Teisendorf" gehören mit 122,83 Gulden (umgerechnet etwa 2400 Euro) zu den ersten Spendern, dazu Offiziere und Richter aus Österreich. Der "Herzog v. Württemberg", der mit seinem Besuch die Brandbekämpfung zumindest unfreiwillig verzögert hat, öffnet ebenfalls seine Schatulle.

30 Jahre dauert es, bis die letzten Brandschäden behoben sind. Geprägt hat die Katastrophe von 1818 das heutige Aussehen des einst verheerten Gebietes: Neue Gebäude und Areale entstehen, das Schloss Mirabell wird wiederaufgebaut, das Landestheater wird errichtet, das Mozarteum. Und die prächtige Promenade an der Salzach entsteht, wo nun die Touristen am Ufer flanieren, im nahen Hotel Sacher Torte verspeisen und sich Journalisten im schmucken Café Bazar für einen Tag ihr Büro einrichten.

Das Salzburg Museum zeigt noch bis zum 7. Juli eine Sonderausstellung zum Stadtbrand von 1818.

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