Als Saddam Hussein in den Achtzigerjahren auf den Resten Babylons ein Disneyland errichtete, ließ er in viele Ziegel eine arabische Inschrift prägen, die sinngemäß so lautete: "Ich, Saddam Hussein, Präsident und Beschützer des irakischen Volkes, habe den Palast des Nebukadnezar und die Zivilisation des Iraks wiederauferstehen lassen." Das war natürlich nicht seine eigene Idee. Das Original stammte aus dem sechsten Jahrhundert vor Christus, fand sich in sumerischer Keilschrift ebenfalls in einigen Ziegeln Babylons und lautete: "Ich, Nebukadnezar, König von Babylon, Sohn des Nabopolassar, habe diesen Palast zu Ehren meines Gottes Marduk gebaut."
Saddam ließ ein falsches Ischtar-Tor errichten - das nachtblau leuchtende Original hatten die Deutschen einst nach Berlin geschafft -, eine Rekonstruktion des antiken Palastes auf die Ruinen klotzen und einen weiteren praktisch nie gebrauchten Palast ans andere Euphratufer. Er krönte die Anlage mit einer gewaltigen Figur von sich selbst in Uniform, und ließ ein internationales Festival unter dem Motto "Von Nebukadnezar zu Saddam Hussein - Babylon beschwört seine Glorie" feiern, kurz, er tat, was er sonst auch tat - er missbrauchte ein großartiges Land und seine Geschichte für den eigenen privaten Größenwahn und einen monströsen Machtanspruch.
Archäologen weinten Sturzbäche. Wer sich traute, lachte heimlich. Aber niemand, wirklich niemand, entkam der Botschaft: dass die antiken Königreiche geradezu zwangsläufig in den Glanz und die Herrschaft Saddams mündeten, dass seine Ära mindestens so legendär werden würde wie ihre, ganz sicher aber durch den Rückgriff auf das antike Erbe legitimiert.
Wenn er an den babylonischen König Nebukadnezar denke, sagte Saddam zu seinem Biografen Faud Matar, wolle er umgehend Araber und Iraker an ihre historischen Pflichten erinnern. Der Westen kennt Nebukadnezar vor allem als Herrscher, der Syrien und Palästina eroberte, Jerusalem zerstörte und die Israeliten in die "babylonische Gefangenschaft" führte. Wenn Saddam also die einstigen Triumphe zitierte, war dies in Wahrheit eine aktuelle Warnung an viele seiner Nachbarn.
Muammar al-Gaddafi verglich sich mit Hannibal, Mussolini und Nixon
Wenn Saddam sich mit Palme neben dem babylonischen König Hammurabi abbilden ließ, wenn er sich eine Tontafel mit dem Bild eines Neugeborenen im Schilf des Tigris schenken ließ und damit auf Sargon von Akkad anspielte, den Gründer des Großreiches im Zweistromland, so war das Ziel stets dasselbe: Seine Ära versprach die Wiederkehr der einstigen Supermacht.
Für die irakischen Archäologen war diese gewaltsame Liebe zur Antike eine sehr ambivalente Angelegenheit, denn je leidenschaftlicher sich der Tyrann als Erneuerer und Hüter vergangener Größe gab, desto unattraktiver wurde sie für den Rest des Landes, berichten Wissenschaftler.
In anderen Ländern der Region war das Verhältnis zur Antike ähnlich gespalten. Auch Ägyptens Herrscher stilisierten sich gern als Söhne der Pharaonen. Zwar sind die meisten Porträts des 2011 gestürzten Dauerherrschers Hosni Mubarak inzwischen getilgt, aber jahrzehntelang gehörten sie zum Bild der Städte wie radelnde Brotverkäufer: Reliefs, Mosaike, auch Skulpturen, die den Staatenlenker an der Seite der Pharaonen zeigten, oft - Mubarak war Fliegergeneral - in Uniform, manchmal sogar im Streitwagen. Der libysche Operettendiktator Muammar al-Gaddafi präsentierte sich noch auf dem Höhepunkt seines Reichtums als Beduinensohn mit Zelt und Kamelmilch, er verglich sich in seiner Kurzgeschichte "Die Flucht aus der Hölle" in einem kühnen Bogen von der Antike zu Watergate nacheinander mit Hannibal, Mussolini und Nixon.
Wären alle diese Um- und Neudeutungsanstrengungen nicht oft von entsetzlichen Verbrechen begleitet gewesen, sie wären ein steter Quell der Heiterkeit. So aber bleiben vor allem zwei Fragen: Warum war der Rückgriff auf die Antike plötzlich so attraktiv? Und: Hat der Trick funktioniert?
Die Antwort auf die erste Frage liegt in einem Wort: Islam. In den Fünfziger, Sechziger und Siebzigerjahren gründeten Herrscher wie etwa Syriens Hafis al-Assad oder Ägyptens Gamal Abdel Nasser ihren Machtanspruch auf das Versprechen des Sozialismus. Die Verheißung sozialer Gerechtigkeit für die lange geknechteten Nationen setzte mächtige politische Kräfte frei und bot eine unangreifbare Legitimation.
Je deutlicher sich diese Hoffnungen als Illusion erwiesen, je mehr sich die Revolutionäre zu Tyrannen wandelten, desto größer wurde der Raum für konkurrierende Ideologien, vor allem den politischen Islam. Vom Staat mal benutzt, mal verfolgt, verzeichneten die Religiösen unübersehbar wachsenden Zuspruch.
Ägyptens Christen sehen sich seit jeher als Kinder der Pharaonen - und die Muslime im Grunde als Zuwanderer von der arabischen Halbinsel. Für weite Teile der Region aber war Religion das zentrale Element der Zugehörigkeit. Entsprechend dürftig war lange die Kenntnis der eigenen vorislamischen Geschichte.
Das ist nur wenig besser geworden. Antike Stätten gehören heute in Ägypten, Syrien und Irak zum festen Bestand der nationalen Kultur. Die Plünderung des Bagdad-Museums nach dem US-Einmarsch war ein Exzess, nicht programmatisch. Die Zerstörung Palmyras durch Dschihadisten begreifen viele als großen Verlust. Dabei ist der Herrschaftsanspruch mit Verweis auf historische Kontinuität nicht aus der Mode gekommen: Ägyptens Präsident Abdel al-Sisi sucht heute auf fast rührende Weise die Nähe des "roten Pharao" Nasser, des einstigen Präsidenten. Nationale Identität unter den Bedingungen der Autokratie ist eine flexible Kategorie.
