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Sachsen:Ermittler vermuten IS-Bezug bei Terrorverdächtigem von Chemnitz

  • Der Terrorverdächtige von Chemnitz ist in Leipzig gefasst worden, teilt die Polizei Sachsen mit.
  • Der 22-jährige Dschaber al-Bakr war auf der Flucht. In einer Chemnitzer Wohnung, in der er sich aufgehalten hatte, fand die Polizei 1,5 Kilogramm Sprengstoff.
  • Die Ermittler vermuten wegen des Verhaltens des anerkannten Flüchtlings einen "IS-Kontext". Innenminister de Maizière sieht Parallelen zu den Anschläge in Paris und Brüssel.

Nach der Festnahme des flüchtigen Terrorverdächtigen Dschaber al-Bark dankt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) dem Hinweisgeber. Dank und Anerkennung gelten dem Mann aus Syrien, der die Polizei über den Aufenthaltsort des Verdächtigen informiert hat, ließ Merkel über ihre Vizeregierungssprecherin Ulrike Demmer ausrichten. Er habe damit entscheidend zur Festnahme beigetragen, fügte sie hinzu. Außerdem dankte die Kanzlerin für die Arbeit der Sicherheitsbehörden und sprach ihnen Anerkennung aus "für die schwere Verantwortung, die sie tragen".

Dschaber al-Bakr war in der Nacht zum Montag in Leipzig festgenommen worden. In einer Pressekonferenz am Montagmittag sagte Jörg Michaelis, Präsident des Landeskriminalamtes Sachsen, das Vorgehen und Verhalten des Festgenommenen sprächen dafür, dass die vorbereitete Tat in einem IS-Kontext stehen könnte. Auch beim gefundenen Sprengstoff gebe es Ähnlichkeiten zu den Anschlägen im vergangenen November in Paris.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière sieht im Chemnitzer Fall ebenfalls Parallelen zu den Anschlägen von Frankreich und Belgien. "Die Vorbereitungen in Chemnitz ähneln nach allem, was wir heute wissen, den Vorbereitungen zu den Anschlägen in Paris und Brüssel", sagte de Maizière.

Hinweise seit Mitte September

Der Generalbundesanwalt teilt mit, dass "Erkenntnisse des Bundesamtes für Verfassungsschutz und des Bundesnachrichtendienstes" Ausgangspunkt für die Ermittlungen gewesen seien. Auf den Verdächtigen habe es seit Mitte September "vage Ersthinweise" von den Nachrichtendiensten gegeben, sagte Michaelis vom Landeskriminalamt Sachsen. Aufgrund der verdichteten Hinweise sei das Mehrfamilienhaus, in dem A. sich aufhielt, seit Freitag observiert worden. Dabei sei aber nicht zweifelsfrei zu ermitteln gewesen, in welcher Wohnung er sich aufhielt, weshalb ein Zugriff nicht möglich gewesen sei.

Die syrischen Landsleute, die A. schließlich in Leizpig überwältigt und gefesselt haben, hätten ihn aufgrund der Öffentlichkeitsfahndung erkannt, so Michaelis. Auf Facebook hatte die sächsische Polizei bestätigt, dass sie den Verdächtigen in einer Wohnung in Leipzig festgehalten und die Beamten alarmiert hatten. Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) dankte der Polizei, die eine "engagierte und am Ende erfolgreiche Arbeit" geleistet habe. Er fügte hinzu: "Ich danke ausdrücklich dem mutigen und verantwortungsbewussten syrischen Mitbürger, der durch den entscheidenden Hinweis und sein Handeln den schnellen Erfolg möglich gemacht hat."

Generalbundesanwalt hat Verfahren übernommen

Zunächst hatte Spiegel Online berichtet, dass die Polizei Dschaber al-Bakr um 0:42 Uhr in der Wohnung eines syrischen Landsmannes gefasst habe. Demnach war dieser von dem Verdächtigen am Leipziger Hauptbahnhof angesprochen worden. Der Mann habe ihn daraufhin zu sich nach Hause eingeladen und am Abend die Polizei informiert, nachdem er von der Fahndung gehört hatte.

Dschaber al-Bakr soll am Montagmittag in Dresden einem Richter vorgeführt werden. Hintergrund sei ein bestehender Haftbefehl des Amtsgerichts in der Stadt, sagte ein Sprecher der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe.

Der als Flüchtling anerkannte 22-Jährige, der Behördenangaben zufolge seit 2015 in Deutschland lebt, war seit einer Anti-Terror-Razzia am Samstag in Chemnitz auf der Flucht. Einer Festnahme war er knapp entkommen: Die Beamten gaben in dem Plattenbau-Viertel einen Warnschuss ab und sahen den Verdächtigen auch, konnten ihn aber nicht fassen. Das Landeskriminalamt wies Vorwürfe zurück, es sei eine Panne passiert. Bei der Durchsuchung einer Wohnung, in der er sich aufgehalten hatte, waren etwa 1,5 Kilogramm eines hochexplosiven Sprengstoffs gefunden worden.

Der Fall Dschaber al-Bakr wird von den Sicherheitsbehörden als außerordentlich ernst eingestuft. Der Generalbundesanwalt hat das Verfahren wegen der besonderen Bedeutung übernommen.

Haftbefehl gegen den Mieter der Wohnung, in der Sprengstoff lagerte

Wegen des Falles fordert die CSU Konsequenzen für die Registrierung von Flüchtlingen. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge müsse bei der Anerkennung der Flüchtlinge viel stärker die Sicherheitsrelevanz beachten, sagte CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer. Es dürfe keine pauschale Anerkennung mehr geben. Nötig sei eine "Totalrevision" der Registrierung.

Spezialeinsatzkräfte der Polizei hatten am Sonntag in Chemnitz eine weitere Wohnung durchsucht. Dabei habe es aber keine Festnahme gegeben, sagte ein Sprecher des Landeskriminalamtes. Da Sprengstoff im Spiel sei, könne man es sich nicht leisten zu taktieren. Die Wohnung war eine von mehreren Kontaktadressen des 22-jährigen Hauptverdächtigen, die derzeit nach und nach überprüft werden.

Zuletzt waren zwei der drei Männer, die am Samstag in Zusammenhang mit dem Anti-Terror-Einsatz in Chemnitz festgenommen worden waren, wieder freigelassen worden. Der dritte Mann ist nach wie vor in Gewahrsam. Es besteht der Verdacht einer Mittäterschaft. Das gab die Polizei in Sachsen über Twitter bekannt. Bei dem Mann handle es sich um den Mieter der Wohnung, in der am Samstag der Sprengstoff entdeckt worden war. Die Staatsanwaltschaft hat inzwischen einen Haftbefehl gegen den Mann erlassen. Ihm werde vorgeworfen, dem Hauptverdächtigen A. seine Wohnung zur Nutzung zu überlassen und für ihn in Kenntnis seiner Anschlagspläne die notwendigen Stoffe im Internet bestellt zu haben.