Viel seltener, als man es sich wünschen würde, erzählen Wahlplakate eine schöne Geschichte, die auch noch wahr ist – und dazu noch genau das vermittelt, was gebraucht wird. Im Jahr 2002 zeigte sich Wolfgang Böhmer, der Spitzenkandidat der CDU im Land Sachsen-Anhalt, landesweit auf vielen großen Plakaten im Arztkittel. Er hielt einen Säugling im Arm, und dazu stand das Versprechen geschrieben: „Wir werden das Kind schon schaukeln“. Es hieß, der Professor hatte schon gut 30 000 Geburten begleitet.
Mithilfe dieses Plakats sollte der Mann, der seit 1974 viele Jahre lang Chefarzt und Gynäkologe im Paul-Gerhardt-Stift in der Lutherstadt Wittenberg war und nie an eine politische Karriere gedacht hatte, zu einer der prägenden politischen Figuren des Landes werden. Nun ist der Christdemokrat, der Sachsen-Anhalt von 2002 bis 2011 regierte, im Alter von 89 Jahre gestorben. Nach schwierigen Jahren gab er dem Land mit ruhiger Hand politische Stabilität und – auf eine oft brummige, kauzige Art – auch Zuversicht.
In Wort und Gestus war er das Gegenteil eines Wichtigtuers
Die Jahre zuvor hatten sich angefühlt, als ob das Land Sachsen-Anhalt nicht zu sich finden könne. Es waren die Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung, als die Euphorie über den Neuanfang verflogen war und für viele Perspektivlosigkeit an ihre Stelle trat. In Magdeburg sprach man, an sich selbst leidend, vom Land der roten Laterne. Nach dem Zusammenbruch der Industrie aus DDR-Zeiten war die Arbeitslosigkeit in Sachsen-Anhalt mit mehr als zwanzig Prozent bundesweit am höchsten, jahrelang war das so. Viele Menschen wanderten gen Westen ab, weil sie nur dort Arbeit fanden.
Die Politik in der Landeshauptstadt war damals von kleinen und etwas weniger kleinen Affären geprägt. Die SPD regierte in einer Minderheitsregierung mit der PDS, dem Nachfolger der DDR-Staatspartei SED, und die CDU erschien trotz der bedrückenden Stimmung hilflos angeschlagen, als der frühere Chefarzt Wolfgang Böhmer aus der Lutherstadt Wittenberg deren Vorsitzender wurde.
Dem Landtag hatte er schon seit dem Anfang 1990 angehört, kurz war er auch Finanzminister und dann lange in der Opposition gewesen. Er drängte dabei nicht nach vorn, schon zum Einstieg in die Politik hatte man ihn Jahre zuvor überreden müssen. Aber die Jüngeren in der CDU überzeugten die Respektsperson Böhmer, der in Wort und Gestus stets das Gegenteil eines Wichtigtuers war, im Jahr 2002 doch als Spitzenkandidat anzutreten. Im Wahlkampf strahlte der erfahrene Mediziner nun Seelenruhe und Unerschütterlichkeit aus, er besiegte überraschend deutlich den aufrichtigen, aber oft glücklosen sozialdemokratischen Regierungschef Reinhard Höppner.
So begann seine neun Jahre lang währende Amtszeit, in der sich zumindest für einige Jahre die Stimmung im Land drehen sollte. Böhmer setzte auf einen klaren Sparkurs in der Landespolitik und profitierte auch davon, dass die Wirtschaft sich erholte, viele Investitionen aus den vorangegangenen harten Jahren sich auszahlten. In den Landtag und die Regierungsgeschäfte zog Ruhe ein.
Der Begriff „Landesvater“ ist abgedroschen. Ihn aber nannten manche gern „Papa Böhmer“
Verspätet hatte jetzt auch Sachsen-Anhalts Politik eine Leitfigur wie zuvor andere ostdeutsche Länder – Sachsen mit Kurt Biedenkopf, Thüringen mit Bernhard Vogel, Brandenburg mit Manfred Stolpe und später Matthias Platzeck. Der Begriff des Landesvaters mag ein verbrauchtes Klischee sein, das man vermeiden möchte, für Böhmer mit seiner sonoren Stimme und der großen Unerschütterlichkeit passte er doch.
Nicht von ungefähr sprachen manche in Magdeburg von „Papa Böhmer“: Er war ein Regierungschef, dessen Wort meist alle respektierten, mit strenger Geringschätzung für alles Vorlaute und alle Selbstdarstellerei. Da konnte er ungehalten werden. Damit verbunden war, dass er sich mehr dem Land und seiner Aufgabe verpflichtet fühlte als seiner Partei, zu der er immer die ihm eigene Distanz wahrte.
Böhmer gewann 2006 erneut die Landtagswahl, da war er schon siebzig Jahre alt, und regierte weiter bis zum Jahr 2011, bis zum Ende der Legislaturperiode. Dann übergab er, auch das ist nicht selbstverständlich, reibungslos an den Nachfolger Reiner Haseloff, der auch heute in Sachsen-Anhalt die Regierung führt. Als Garanten des Ausgleichs würdigt ihn sein Nachfolger Haseloff. Böhmer habe man zu jedem Zeitpunkt geglaubt, dass er Verlässlichkeit suchte und eine gute Ordnung für dieses Land wollte. Sein großes Verdienst habe darin bestanden, Menschen weit über alle Parteigrenzen hinaus Vertrauen in die Politik zu geben – durch seine authentische Persönlichkeit, durch Aufrichtigkeit, Eigenwilligkeit und Beharrlichkeit.
Böhmer zog sich nach dem Abschied aus der Staatskanzlei ins Privatleben zurück, wusste dabei durchaus um seine Verdienste. Zu ihm passte sehr, dass er dem MDR einmal sagte: „Also, die Sache mit dem Grabstein ist geregelt, und wenn Sie das jetzt symbolisch verstanden wissen wollen, würde es mir genügen, wenn darauf steht, er hat sich Mühe gegeben.“ Über die Entwicklung seines Landes pflegte er in seiner lakonischen Art zu sagen, dass seine Regierung ja nicht ganz erfolglos gewesen sei.

