A-14-Ausbau:Gewalt gegen Umweltaktivisten

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Gegendemonstranten die gegen den Weiterbau der A14 sind, stehen zwischen Dequede und Losse an der Landstrasse - Fahrzeug

Die "Natur-Freunde Sachsen-Anhalt" protestieren gegen den Weiterbau der A 14 zwischen Seehausen und Osterburg.

(Foto: Christian Schroedter/Imago)

Morddrohungen, Sprengsätze, Schüsse aus einem Paintball-Gewehr - Aktivisten gegen den Ausbau der Autobahn 14 sind mehrfach gewaltsam attackiert worden. Ihr Protest feuert einen alten Konflikt in Sachsen-Anhalt neu an.

Von Jan Heidtmann, Berlin

Auf dem Rasen, direkt neben dem halb verfallenen Bahnhof von Seehausen, haben die Aktivisten aus einer Art Tapeziertisch ein Podium errichtet. Davor stehen wild zusammengewürfelte Stühle, die Namen der Akteure sind mit dickem Filzstift auf DIN-A4 Zettel geschrieben. "Zoltán Schäfer, Verletzter/Zeuge" steht da, oder "Mobile Beratung für Opfer rechter Gewalt". So sympathisch provisorisch diese Pressekonferenz auch wirkt - es geht um Übles.

Zoltán Schäfer, Sprecher der Grünen Jugend Altmark, Sachsen-Anhalt, berichtet, wie er und einige Mitstreiter am vergangenen Freitag attackiert worden sind. Ein Mann in einer Ku-Klux-Klan-Kutte beschoss sie mit einem verbotenen Paintball-Gewehr, ein anderer filmte das Ganze, wenig später stand das Video im Netz. "Wir befinden uns hier in einer Gewaltspirale", sagt Schäfer. "Die Intensität der Attacken nimmt immer mehr zu. Das macht uns Angst."

Der alte, backsteinerne Bahnhof in dem 5000-Einwohner-Ort ist ein Stützpunkt der Proteste gegen den Ausbau der Autobahn 14, die einmal Wismar und Schwerin über Magdeburg mit Halle, Leipzig und Dresden verbinden soll. Der andere Stützpunkt liegt ein paar Kilometer weiter im Losser Forst. Seitdem die Aktivisten dort im April ein Waldstück mit mehreren Baumhütten besetzten, nehmen die Attacken zu: Am Rande von Demonstrationen soll es Morddrohungen gegeben haben, am 17. Mai brannte ein Sofa vor der Tür des Bahnhofs, das Feuer griff auf das Gebäude über. Ein paar Tage später zerstörten Unbekannte das Untergeschoss des Baus und hinterließen nach Auskunft der Polizei zwei selbstgebastelte Sprengsätze, die glücklicherweise nicht detonierten.

"Es war reiner Zufall, dass da nicht jemand richtig verletzt worden ist", sagt Martin Burgdorf von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus, der ebenfalls nach Seehausen gekommen ist. Er geht bislang aber nicht davon aus, dass hinter den Attacken ein rechtes Netzwerk steckt. Zwar gab es in der Region auch Organisationsstrukturen von Rechtsextremen, beispielsweise sogenannte Kameradschaften. Aber bei den Protesten gegen die A 14 sieht er eher das Problem, dass "das Thema ziemlich emotional ist".

Reiner Haseloff sieht einen "Angriff auf den Rechtsstaat"

Das ist noch vorsichtig ausgedrückt. Die Stimmung rund um Seehausen ist derart aufgeheizt, dass sich an diesem Dienstag selbst Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) zu Wort meldete: "Der Angriff von Seehausen auf eine Gruppe junger Menschen ist ein Angriff auf den Rechtsstaat." Ähnlich äußerte sich der Verbandsbürgermeister Rüdiger Kloth von den Freien Wählern. Ebenfalls an diesem Dienstag verkündete die Polizei dann, dass sie wegen der Gewalttaten eine eigene Ermittlungsgruppe eingerichtet habe.

Kritiker der Polizei fordern schon seit einer Weile, dass die Beamten nachdrücklicher versuchen müssten, die Attacken aufzuklären. Nach dem Paintball-Angriff am vergangenen Freitag fahndete dann ein Polizeihubschrauber nach dem Täter. Als problematisch gelten auch die Aussagen einiger Politiker zu den Aktivisten. So filmte sich der CDU-Landtagsabgeordnete Chris Schulenburg bereits Ende April bei einem Besuch im Losser Forst. Dort nannte er die Besetzer "seltene Exemplare" und "seltene Baumbewohner" und fuhr fort: "Ich musste mich auf Englisch mit ihnen unterhalten. Das sind Berufsdemonstranten aus aller Welt, die unsere Entwicklung hier in der Altmark behindern. Unglaublich."

Patrick Puhlmann, Landrat von der SPD im Landkreis Stendal, würde gerne über viele Aspekte der Gegend sprechen. Über die neuen Coworking-Spaces zum Beispiel. Oder über die Pendler zwischen Berlin und Stendal, die es dank des ICE-Halts hier gebe. Über die Mobilitätswende. Stattdessen "führen wir jetzt zum hundertsten Mal eine Vergangenheitsdebatte über die A 14". Natürlich dürfe man dagegen protestieren, sagt er. "Baumbesetzungen in einem Privatwald halte ich aber für den falschen Weg."

Tatsächlich sind die Planungen zur A 14 seit Jahrzehnten abgeschlossen. Der Landkreis habe nur das Pech, dass gerade hier das Teilstück noch nicht gebaut ist, sagt Puhlmann. "Manche im Landkreis warten seit 20 Jahren auf die Autobahn." Das sei aber nur ein Grund für die aufgeladene Stimmung. Dass sich die Aktivisten mitten in der Corona-Pandemie nicht an die Ausgangsperre hätten halten müssen, ein anderer. Die höchste Waldbrandstufe, die in der vergangenen Woche gegolten habe, komme noch dazu. Viele Leute engagierten sich bei der Freiwilligen Feuerwehr, sagt Puhlmann, sie hätten Angst, dass im Wald Feuer ausbricht. "Das Thema ist auch emotional sehr besetzt." Er sieht die Gefahr, "dass der Konflikt weiter eskaliert". Eine geplante Räumung des Camps hat das Verwaltungsgericht in Magdeburg gerade gestoppt.

"Die wollen einfach jede Menge Beton in den Wald gießen", sagt ein Aktivist

Im Losser Forst ist von dem Ärger drumherum nichts zu spüren, es herrscht die Stille des Waldes, Vögel zwitschern, zwischendurch hämmert ein Specht. Die Aktivisten im Camp geben keine Namen preis, manche sprechen einen weder mit "Sie" noch mit "du" an, sondern mit "Hallo Mensch". Ein Mann um die dreißig erzählt, dass einige der Mitstreiter nur für ein paar Tage kämen, von überall her. Die wenigsten seien, so wie er, seit April im Forst. Über die Attacken mag er nicht weiter sprechen, es nerve ihn, dass sich die Leute deshalb plötzlich für den Protest interessierten. "Es wär doch viel besser, wir würden über das reden, was hier geschehen soll: Die wollen einfach jede Menge Beton in den Wald gießen."

Nach dem Urteil des Verwaltungsgerichts hat er sich darauf eingestellt, länger zu bleiben - selbst wenn sich der Konflikt weiter zuspitzen sollte. "In meinen ersten zwei Wochen hat es hier nur geregnet. So richtig geregnet", sagt er. "Wir sind bestimmt nicht zum Spaß da."

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