Sachsen:Am Küchentisch

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Die SPD geht auf Zuhör-Tour: Dafür baut sie in einer Gaststätte in Döbeln den alten Tisch ihres Landesvorsitzenden auf. Wer ein Anliegen hat, setzt sich dazu. Thematisch geht es rund um die Welt.

Von Cornelius Pollmer, Döbeln

Deutschland ist eine riesige Wohngemeinschaft, und der WG-Rat tagt am Mittwoch in Döbeln, Mittelsachsen. Im großen Saal der Gaststätte "Strammer Leutnant" hat die SPD den alten Küchentisch ihres Landesvorsitzenden aufgebaut. Martin Dulig nimmt daran Platz, um ins Gespräch zu kommen, mit besorgten Bürgern genauso wie mit "besorgten Bürgern". Seine Partei wolle Vertrauensarbeit leisten, sagt Dulig, bei denen, die Politiker als "die da oben" wahrnehmen, die nur in Wahlkampfzeiten auf der Matte stünden. "Bitte schön, hier sind wir", sagt Dulig. Mit ihm am Tisch sitzen Politiker aus der Region und Vertreter von Initiativen und Kirche. Wer ein Anliegen hat, setzt sich einfach an den Tisch und trägt es vor. In Döbeln trauen sich allerdings von etwa 70 Gästen meist nur jene an den Tisch, die ihr Begehr an den "lieben Martin" richten und auch sonst irgendwie SPD-nah sind. Spöttisches Klatschen gibt es dann und wann von den Tischen aus Reihe zwei, thematisch geht es rund um die Welt, von den als demütigend empfundenen Sanktionen gegen Russland bis zur als demütigend empfundenen Einstellung der Bahnlinie Döbeln-Meißen.

Annäherungsweise hitzig wird es im WG-Rat, wenn über die Unterbringung jener Million neuer Mitbewohner diskutiert wird, die 2015 ins Land gekommen sind. Zwei Stunden dauert die Diskussion, als Jens Liebscher aus Choren seinen Vortrag beginnt. "Wir sind 'ne Klitsche", sagt er, ein Ort von 260 Einwohnern, kein Discounter, keine Freizeiteinrichtung, nichts. Choren hatte angeboten, Asylbewerber unterzubringen, 40 wären vorstellbar. Nun aber könnten bis zu 220 Menschen in einer ehemaligen Schule untergebracht werden. Die Kommunikation mit den Anwohnern sei unterirdisch, sagt Liebscher, das Handeln der Politik rücksichtslos. Aus dem Angebot, 40 Menschen aufzunehmen, ist eine Bürgerinitiative geworden, sie heißt "Gegenwind". Die Besorgten und "Besorgten" aus Reihe zwei hören da nur noch vereinzelt hin. Man widmet sich den Einladungskarten der SPD auf den Tischen. Eine gilt einem nahenden Neujahrsempfang. Eine Frau greift zu und sagt zu ihrem Mann: "Da gehen wir hin, da gibt es Sekt."

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