Krim-Krise:Die Weltgeschichte ist kein Amtsgericht

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Dann wollen sie Arbeit und Brot - und schließlich ein starkes Russland, damit nicht noch einmal 20 Millionen Landsleute dran glauben müssen, weil ein Verrückter Mütterchen Russland überfällt. Von dieser Mehrheit ist Putin gewählt. Und im Interesse dieser Mehrheit handelt er. Diese Mehrheit kann sehr wohl unterscheiden zwischen einem Josef Stalin, der mit kleinen Haken hinter unzähligen Namen Zehntausende erschießen ließ, und einem Putin, der inzwischen auch seinen schärfsten Gegner, Michail Chodorkowskij, aus dem Gefängnis entlassen hat - in das er allerdings nach unseren Vorstellungen von Rechtsstaat wohl nie gekommen wäre.

Dass die provisorische Regierung der Ukraine keine ausreichende Legitimation hat, die Zukunft des Landes zu bestimmen, ist rechtlich so einleuchtend wie das Pochen des Westens auf die Unversehrtheit des Territoriums der Ukraine. Aber die Weltgeschichte ist kein Amtsgericht. Wir Deutschen haben immer auf unser Selbstbestimmungsrecht Wert gelegt. Haben die Russen auf der Krim dieses Recht nicht? Muss das, was der Diktator Nikita Chruschtschow 1954 aus Laune dekretiert hat, auch gelten, wenn die Ukraine sich gegen jenes Russland stellt, dem die Mehrheit der Krimbewohner sich verbunden fühlt?

Was die russische Propaganda über die "Faschisten" in der ukrainischen Regierung zu sagen hat, ist offenkundig übertrieben. Ist dies aber ein Grund dafür, dass wir im Westen fast nichts darüber hören? Ich weiß bis heute nicht, wie viele Mitglieder der provisorischen Regierung Rechtsradikale sind, obwohl ich seit Tagen die Zeitungen danach absuche. Ich habe nur ein Radio-Interview gehört, als Janukowitsch bereits verschwunden war. Da erklärte einer der ganz Rechten, sie seien der harte Kern der Aufstandsbewegung gewesen, und nun gingen sie nicht nach Hause, ehe ihre Leute in der Regierung seien.

So ist es auch gekommen. Dass in dieser Regierung auch Leute sind, die einen Mann als Helden verehren, der mit Wehrmacht und SS gegen die Sowjetarmee gekämpft hat, kommt natürlich in Moskau anders an als in Kiew. Sicher ist, dass es ausgeprägte Antisemiten in dieser Regierung gibt. Da sind wir Deutschen doch aus guten Gründen sensibel.

Kurzfristig sind Wahlen notwendig

In diesem Fall kommt noch etwas dazu: Könnte es sich da um die Enkel jener Ukrainer handeln, die seinerzeit freiwillig der SS bei der Judenhatz geholfen haben? Nicht alles, was die Russen übertreiben, muss in Deutschland im Nebel bleiben.

Wer auch immer womit recht hat, jetzt kommt es darauf an, dass wir uns nicht immer tiefer in diese Krise hineinbohren, in der wir ohnehin schlechte Karten haben. Kurzfristig - auch wenn es ein paar Wochen dauern kann, sind Wahlen in der Ukraine nötig.

In Kiew brauchen wir eine Regierung, deren Legitimität unantastbar ist, eine, die aus freien Wahlen in der ganzen Ukraine hervorgegangen ist. Dann kann auch Putin sich nicht mehr weigern, mit der Ukraine zu sprechen. Sobald ein Wahltermin feststeht, kann man wohl mit Putin über ein Stillhalten reden, wenn nicht für die Krim, dann doch für die Ostukraine.

Langfristig sehe ich nur eine weniger konfliktträchtige Perspektive: dass die Europäische Union ein so enges Verhältnis zu Russland findet, ökonomisch und politisch, dass Russland keinen Anlass mehr hat, der Ukraine Vergleichbares übel zu nehmen. Dabei müsste allerdings immer klar sein: Die Ukraine tritt nicht der Nato bei. Jedenfalls nicht, ehe Russland dies tut.

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