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Russlands Jugendarmee:Wenn das Verteidigungsministerium in die Kindererziehung eingreift

Doch die Junarmija will noch mehr: Bis zum 9. Mai 2020 strebt die Organisation die Stärke von einer Million Mitglieder an. Die ambitionierte Prognose stammt laut Kommersant von Jelena Slesarenko, Hochsprung-Olympiasiegerin von 2004 und stellvertretende Leiterin des Junarmija-Hauptquartiers in Moskau. Das Kalkül: Wenn auch noch die Angestellten der Rüstungsunternehmen ihre Kinder direkt am Arbeitsplatz für die Jugendarmee anmelden können, werde die Bewegung erheblichen Zulauf erhalten.

Valentina Melnikova

Setzt sich seit vielen Jahren gegen die Wehrpflicht in Russland ein: Die Vorsitzende der Menschenrechtsorganisation "Union der Komitees der Soldatenmütter Russlands", Walentina Melnikowa, in ihrem Büro in Moskau.

(Foto: AP)

Doch die hochfliegenden Pläne stoßen auf Widerstand. Für Walentina Melnikowa, der Vorsitzenden der Menschenrechtsorganisation "Union der Komitees der Soldatenmütter Russlands", ist das Vorhaben ohne geeignete Mitarbeiter kaum umzusetzen: "Wie soll das denn funktionieren, wenn das Verteidigungsministerium den Unternehmen Anweisungen erteilt, ohne sie dabei personell zu unterstützen? Sollen die Firmen etwa auf eigene Kosten Lehrer einstellen? Warum sollten sie das tun, sie gehören dem Ministerium ja nicht?", fragt sie im Kommersant. Es sei außerdem höchst fragwürdig, wenn das Minoborony, wie das Verteidigungsministerium im Volksmund genannt wird, in die Strukturen der Kindererziehung eingreife.

Diese Einmischung können sich Eltern in Russland genauso verbitten, wie in anderen Ländern auch: Wie sie ihre Sprösslinge aufziehen, ist schließlich auch dort noch ihnen überlassen. Wenn die Erziehungsberechtigten also nicht wollen, dass ihre Töchter und Söhne schon von frühester Jugend an in der Junarmija militärisch gedrillt und an Waffen ausgebildet werden, können sie sich dem widersetzen, auch dann, wenn sie in der Rüstungsindustrie arbeiten.

Kritik entzündete sich daher auch an den Plänen von Russlands Ombudsfrau für die Rechte der Kinder, Anna Kusnezowa, die offenbar darauf abzielten, der Jugendarmee gezielt Waisenkinder zuzuführen, wie die Nowaja Gaseta in einem Kommentar bemängelt. Denn die könnten sich auf keinen verantwortungsvollen Vormund verlassen. Sie hatte die Ombudsleute für Kinderrechte in den Regionen angewiesen, in allen Waisenhäusern ein Mentorenprogramm für die Junarmija zu starten. Ziel des Programmes sei es, geeignete Waisenkinder für die Jugendarmee zu identifizieren.

Kusnezowa begründet ihre Pläne vordergründig mit bestehenden Missständen: Von den 50 000 Vollwaisen, die es in den 1600 Waisenhäusern des Landes gäbe, fänden nur zehn Prozent in ein geordnetes Leben. Von den übrigen 90 Prozent begingen zehn Prozent Suizid, 40 Prozent würden kriminell und die restlichen 40 Prozent entweder alkohol- oder drogenabhängig.

Geht es in erster Linie um Staatspropaganda?

Die Nowaja Gaseta zieht allerdings in Zweifel, ob ausgerechnet die Junarmija die richtige Einrichtung sei, um dieses Problem zu lösen: "Seriöse Studien auf der ganzen Welt zeigen uns, dass Waisenkindern am besten durch individuelle und professionelle Betreuung geholfen wird", schreibt das Blatt. "Soll ausgerechnet die Militarisierung unser Waisenhaus-System korrigieren, das diesen Albtraum reproduziert?"

Der Verdacht, dass die Jugendarmee eher der Militarisierung und der Indoktrination junger Leute dienen soll, als den Zielen, wie sie Schoigu und Kusnezowa vorgeben, wird in Russland immer wieder geäußert. Nach der Annexion der Krim im Jahr 2014 kam es zu einer Welle nationaler Begeisterung, die Zahl militärisch-patriotischer Verbände stieg innerhalb kurzer Zeit deutlich an und die Zustimmungswerte für Präsident Putin schossen in die Höhe. Sein Narrativ, dass Russland von Feinden umzingelt ist und die Nation daher unter seiner Führung geschlossen zusammenrücken muss, verfängt beim Wahlvolk noch immer.

Der Verdacht, dass es bei der Juniarmija also in erster Linie um Staatspropaganda gehen könnte, ist deshalb nicht von der Hand zu weisen. Und wenn sich die Gelegenheit ergibt, Menschen mit potenziell labiler Persönlichkeitsstruktur wie Waisenkinder zu indoktrinieren, soll das in erster Linie dem Machterhalt dienen, argwöhnt die Nowaja Gaseta.

Auch wenn das nicht zu beweisen ist, so gilt doch, was die Menschenrechtlerin Walentina Melnikowa konstatiert: "Der Versuch, Kinder zu militarisieren, stellt eine Verletzung ihrer Rechte dar."

© SZ.de/segi

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