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Russland:Rocker mit Faible für Großrussland

Vladimir Putin, Alexander Zaldostanov

Der "Chirurg" und der heutige Präsident: Alexander Saldostanow (rechts), Anführer der "Nachtwölfe" (Notschnye Wolki), und Russlands Präsident Putin, der auch gern Motorrad fährt (Archivbild aus dem Jahr 2011)

(Foto: AP)
  • Ein nationalistischer Rockerclub aus Russland plant eine Motorradtour von Moskau nach Berlin, um den Sieg der Sowjets über Nazi-Deutschland zu feiern.
  • Die Gruppe hat den Segen des russischen Präsidenten, der sich zu früheren Gelegenheiten auch mit den Rockern auf dem Motorrad ablichten ließ.
  • In Russland schüchtert die Gruppe nach eigenen Angaben Oppositionelle ein. In der Ukraine kämpfen sie an der Seite der prorussischen Rebellen.

"Wir sind russische Wölfe. Wo wir sind, ist Russland!" Folgt man der Logik von Alexander Saldostanow, dann wird Berlin am 9. Mai wieder russisch. Zumindest ein bisschen. Ende kommender Woche will Saldostanows nationalistisch-großrussischer Rockerklub "Nachtwölfe" eine Tour von Moskau nach Berlin starten.

Sie führt 6000 Kilometer lang durch Weißrussland, Polen, Tschechien und Österreich. Als erste Station in Deutschland steht München auf dem Plan, bevor die Rocker von Kremls Gnaden am 9. Mai am Ehrenmal für die sowjetischen Soldaten den 70. Jahrestag des Sieges über Hitlers Faschismus feiern.

Die Rocker besitzen angeblich bereits Schengen-Visa

Der geplante Durchmarsch auf den Spuren der Roten Armee beschäftigt bereits die Regierungen in den Ländern auf ihrer Route. Polens Regierungschefin Ewa Kopacz nannte die geplante "Siegesfahrt" durch ihr Land eine Provokation. Sollten die Motorradfahrer in irgendeiner Weise die Sicherheit gefährden oder Polen beleidigen, gebe es Gesetze, sagte sie am Mittwoch im polnischen Radio. Ob Teilnehmer die Grenze überqueren dürften, müssten allerdings die zuständigen Beamten vor Ort entscheiden. Die Nachtwölfe hatten zuvor bekannt gegeben, sie verfügten bereits über Schengen-Visa.

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Derlei Touren unternehmen die rechten Rocker zwar seit Jahren - nach Berlin, auf den Balkan und auf die Krim - aber seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs erscheinen diese Ausflüge in einem anderen Licht. Denn darin haben die Nachtwölfe schon früh eine wichtige Rolle gespielt.

Putin ließ sich mit ihnen fotografieren

Jahrelang fuhren sie im Sommer mit wehenden russischen Fahnen nach Sewastopol, wo sie bei einer Kiesgrube ein russisch-nationales Festival veranstalteten. Mehrmals stieß dort auch der russische Präsident Wladimir Putin zu ihnen, der dafür in die Rolle eines schwarz gekleideten Motorrad-Agenten schlüpfte und ein paar Runden mit einer dreirädrigen Maschine drehte. Den früheren ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch ließ er im Jahr 2012 dafür auch mal vier Stunden warten.

Im März 2014 halfen die Nachtwölfe beim Aufbau der sogenannten "Bürgerwehren", die gemeinsam mit russischen Spezialtruppen die ukrainischen Soldaten in ihren Kasernen auf der Krim blockierten und sie dann zur Aufgabe zwangen. Und sie bekennen sich auch dazu, mit den Separatisten im Donbass zu kämpfen.

Der Anführer der Rocker glaubt an eine Weltregierung, die die Geschichte lenkt

Die Ukraine sei "Teil der russischen Welt", erklärt dazu ihr Anführer Alexander Saldostanow, und "der Westen ist unser Feind". Außerdem glaubt er nach eigenem Bekunden an eine "Weltregierung", die die Geschichte im Geheimen lenke. Seinen Kampfnamen "Chirurg" trägt er, weil er angeblich noch in der Sowjetunion Medizin studiert hat. Seine Freunde nennen ihn Sascha.

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Auch Putin nennt ihn Sascha. 2013 verlieh er Saldostanow den russischen Verdienstorden für seinen Einsatz bei der "patriotischen Erziehung der Jugend". Den Orden trägt der Mann mit dem kantigen Kinn und dem Zuhälterbart seitdem stets an seiner schwarzen Lederkutte. Mehrmals hat auch der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill dem Rocker seinen Segen erteilt.

In Russland schüchtern sie Oppositionelle ein

Seine patriotische Pflicht meint der Chirurg auch als einer von drei Anführern der Bewegung "Antimaidan" zu erfüllen, einer Ansammlung rechtsradikaler Gruppen, die im Januar die Absicht erklärte, einen Protest wie auf dem Kiewer Maidan in Russland zu verhindern - obwohl es zuvor nicht einmal Ansätze dafür gegeben hatte. Überall dort, wo sich die Opposition versammle, werde auch der Antimaidan sein, drohte das Bündnis. "Das Einzige, was die Fünfte Kolonne von ihren Plänen abhalten kann, ist Angst", sagte Saldostanow dazu der Zeitung Nowaja Gaseta.

Der 52-Jährige verehrt Stalin und hasst Schwächlinge. "Toleranz ist für mich die Unfähigkeit, sich zu verteidigen", sagte er vergangenes Jahr in einem Fernsehinterview. Berlin kennt er aus jungen Jahren. In den Achtzigern war er Rausschmeißer im Rockerklub Sexton am Winterfeldtplatz. Bis heute unterhält er Verbindungen in die Szene.