bedeckt München 20°

Russland:Wahlkämpfer Putin im Ring ausgepfiffen

Dämpfer für den Selbstdarsteller: Als sich Wladimir Putin im Wahlkampf bei einer Kampfsportveranstaltung in Moskau präsentieren will, schallen dem russischen Regierungschef ungewohnte Klänge entgegen. Dabei schienen die Umstände günstig zu sein: Ein Russe hatte soeben einen Amerikaner auf die Bretter geschickt.

Das Hemd hat er diesmal anbehalten. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn zu Wahlkampfzwecken präsentierte sich der russische Ministerpräsident Wladimir Putin schon mehrfach mit nacktem Oberkörper - sei es beim Angeln, beim Reiten oder sogar beim Arztbesuch nach einem Unfall beim Judotraining. Die Fotografen waren immer dabei.

Ihre Auftragsbücher sind auch derzeit wieder gut gefüllt, denn in zwei Wochen ist Parlamentswahl, und 2012 will Putin wieder Staatspräsident werden. Das bedeutet eine ansteigende Zahl öffentlicher Auftritte, gerne zu Anlässen, die für die Betonung der Männlichkeit von Vorteil sein könnten. Zum Beispiel: Kampfsportveranstaltungen.

Putin ist Träger des schwarzen Gürtels im Judo, und als solcher wagte er sich am Sonntag in der Moskauer Olympiski-Halle in den Ring. Dort gratulierte er Fjodor Jemeljanenko zu dessen Sieg gegen den Amerikaner Jeff Monson. Die beiden Sportler waren sich in der Sportart Mixed Martial Arts begegnet, einem bisweilen brutalen Kampfsport. Der Russe hatte gewonnen. So weit, so wahlkampftauglich.

Kolonne mit Abschleppwagen

Doch als Putin zu einer Rede ansetzte, pfiffen viele der 22.000 Zuschauer in Moskau. Sie buhten den Wahlkämpfer aus. Ein Sprecher der russischen Boxföderation sagte, Putin habe zunächst einen bestürzten Eindruck gemacht, sich dann aber schnell wieder gefangen.

Öffentliche Anfeindungen gegen Putin sind selten, Wahlkampf-Patzer allerdings nicht so sehr. Im Bestreben, dem russischen Autoproduzenten Lada zu Aufmerksamkeit zu verhelfen, schwang sich Putin einst selbst hinter das Lenkrad und fuhr durch Sibirien. Als Medien berichteten, dass sich auch ein Abschleppwagen zu der PR-Kolonne gesellt hatte, waren dem Premier Hohn und Spott sicher.

"Erstmals in seiner gesamten Karriere"

Ein anderes Mal betätigte sich Putin als Schatzsucher und wurde schnell fündig. Später stellte sich heraus, dass die vermeintlichen Kostbarkeiten extra für den Ministerpräsidenten im Meer versenkt worden waren.

Auf die jetzige Panne beim Kampfsport reagierte das Staatsfernsehen mit technischen Mitteln: Die Mikrofone vor der Haupttribüne wurden heruntergedreht. Ein Radiosender vertrat die waghalsige These, der 59 Jahre alte Putin sei "erstmals in seiner gesamten politischen Karriere augepiffen worden".

Etwas Applaus bekam der mächtigste Mann Russlands dann doch noch: Als er den Sieger des Kampfes als "echten russischen Recken" bezeichnete, brandete vereinzelt Beifall auf. Das Ziel der Aufmerksamkeit war in jeden Fall erreicht: Verschiedene Aufnahmen des Vorfalls erreichten bei Youtube insgesamt etwa 500.000 Zuschauer.

© sueddeutsche.de/segi/mikö

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite