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Russland:Putins Einfluss im Nahen Osten wächst - und der Westen sieht nur zu

People walk past damaged buses positioned atop a building as barricades in the rebel-held Bab al-Hadid neighbourhood of Aleppo

Bilder aus Aleppo: Sie werden an Russlands Politik wohl nichts ändern.

(Foto: REUTERS)

Fotos von toten Zivilisten in Syrien werden Russlands Politik nicht verändern, Flächenbombardements eingeschlossen. Jetzt umwirbt Putin neue Verbündete.

Angenommen, Wladimir Putin gäbe etwas darauf, was die Mächtigen in Europa und den USA von ihm halten - was würde er sich denken? Dass ihn viele Staats- und Regierungschefs als skrupellosen Machtpolitiker sehen, als Mann der rauen Methoden, Krieg eingeschlossen, das empfände er wohl als Kompliment. Verblüffen dürfte ihn eher, dass die Staatsführer ihn gewähren lassen. Der Kremlchef irritiert, narrt und überrumpelt seine Gegenspieler mit der immer selben Dreistigkeit. Und niemand hindert ihn daran. Die Sache funktioniert weiter.

Ein Beispiel ist der Nahe Osten. Die USA ziehen sich zurück, mit Ansage. Putin nutzt den Mangel an Ordnungsmacht, um den russischen Einfluss wieder aufzubauen, der in den vergangenen 25 Jahren arg geschrumpft ist. Die Wende kam im syrischen Bürgerkrieg. Mit dem Einsatz seiner Luftwaffe hat der Kremlchef bei ziemlich geringem Risiko viel gewonnen. Er hat das Assad-Regime fürs Erste stabilisiert und Russland als Machtfaktor wieder auf die Bühne Nahost gebracht. Gegen Moskau geht in Syrien nicht mehr viel, nicht einmal für die USA.

Putin, in vielem ein Geisteskind der UdSSR, wird das als gerecht empfinden. Im Kalten Krieg hatten sich die Supermächte den Nahen Osten aufgeteilt, Syrien zählte zum Sowjet-Orbit. Das Moskauer Modell bot für seine arabischen Abnehmer Infrastruktur, Industrie, Bildung, Waffen. Dann, Anfang der Neunziger, war es vorbei: die Sowjetunion aufgelöst, die Satellitenstaaten in Nahost auf sich gestellt. Im Anschluss machten die USA sich breit, schafften aber nur Unordnung und Gewalt, siehe Irak-Krieg 2003.

Zielstrebig hat Wladimir Putin in Syrien seine Macht etabliert

Jetzt, wo sich Washington abwendet, stößt Moskau in die Lücke. Putins Vorgehen ist in der Welt der Realpolitik normal, jedenfalls, wenn man Flächenbombardements als Instrument von Realpolitik betrachtet. Putin tut das. Erschütternde Fotos von toten Zivilisten in zerbombten Ruinen werden diese Politik nicht verändern. Russland bekämpft Terroristen, auch wenn nur tote Kinder in den Trümmern liegen. Und warum auch nicht? George W. Bush und Tony Blair haben sich im Irak auch nicht um "menschliche Kollateralschäden" geschert. Während in Washington, Paris und London oft Moral gepredigt und dann Realpolitik betrieben wird, verzichtet Moskau auf die Mimikry.

Sollte der syrische Aufstand im russischen Bombenhagel zusammenbrechen, hätte Putin einiges erreicht. Syrien bliebe wohl als Staat erhalten; das ist einem Politiker wichtig, der den Untergang der UdSSR als "größte historische Katastrophe des 20. Jahrhunderts" betrachtet, den Zerfall des Nahen Ostens fürchtet und Auflehnung gegen den Obrigkeitsstaat als persönliche Bedrohung empfindet.

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Fürs Erste hat Putin auf dem syrischen Schlachtfeld Bundesgenossen gewonnen. Ayatollah Chomeini hatte die UdSSR noch als "teuflische Großmacht", als zweiten Satan neben den USA abgekanzelt. Sein Nachfolger in Teheran heißt russische Bomber willkommen: Auch dieser Punkt geht an Putin. Iran ist gewichtig. Moskau und Teheran betreiben den Krieg für Syriens Machthaber gemeinsam, rücken zusammen. Russische Jets auf iranischen Flugplätzen, Moskauer Ingenieure in persischen Atommeilern, bei den 5+1-Atomgesprächen hat Russland die Iraner nicht allein gelassen. In Teheran reden die Ersten schon von einer "strategischen Partnerschaft". Und das, obwohl die iranische Verfassung jede Einmischung fremder Mächte und die Stationierung fremder Truppen verbietet.