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Russland unter Putin:"Die Leber der Demonstranten auf den Asphalt schmieren"

Seit Wladimir Putin in den Kreml zurückgekehrt ist, führt der russische Staat den Dialog mit seinen Kritikern zunehmend über Polizei und Justiz. Alexandra Duchanina, einer 18-Jährigen, drohen bis zu zehn Jahre Haft - weil sie gegen den Präsidenten auf die Straße ging. Dessen Sprecher macht die härtere Gangart deutlich.

Vor ein paar Monaten schnitt sie sich die langen Haare ab. Alexandra Duchanina begann symbolisch ein neues Leben. Es war die Zeit, als in Russland die umstrittenen Wahlen stattfanden und Zehntausende Menschen protestierten. Freunde von ihr sagen, bis dahin habe sich Duchanina für Politik nicht interessiert.

Alexandra Duchanina wird von einem Omon-Polizisten vom Moskauer Bolotnaja-Platz gezerrt.

(Foto: AP)

Jetzt steht ein Foto von ihr in den russischen Zeitungen. Es wurde vor drei Wochen aufgenommen, bei einer Demonstration auf dem Moskauer Bolotnaja-Platz. Die junge Frau trägt ein schwarzes Kleid, ein Beamter der Sondereinheit Omon hält sie im Schwitzkasten und zerrt sie fort. Duchanina greift mit beiden Händen in seinen Arm, als wolle sie ihren Hals aus der Umklammerung befreien. Aber jetzt hat sie weitaus mehr zu befürchten.

Die Behörden ermitteln gegen Alexandra Duchanina nach Artikel 212 des russischen Strafgesetzbuchs, und nun muss sie mit bis zu zehn Jahren Haft rechnen - wegen Aufrufs zu Massenunruhen und eines Angriffs auf Omon-Beamte. Duchanina hatte am 6. Mai beim "Marsch der Millionen" mitgemacht, mit dem Zehntausende Russen gegen die Amtseinführung des neuen Präsidenten Wladimir Putin am folgenden Tag protestierten.

Im Anschluss kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei, Hunderte Menschen wurden festgenommen, es gab Verletzte auf beiden Seiten. Duchanina, die der radikalen Linken zugerechnet wird, soll mit Steinen auf einen der Elitepolizisten geworfen haben. Ihre Anwälte sagen, sie gebe die Teilnahme an der Kundgebung zu, aber sie habe nur friedliche Mittel eingesetzt. Wie auch immer Duchanina sich genau verhalten hat, die Anschuldigung, zu Massenunruhen aufgerufen zu haben, ist die erste dieser Art im Zuge der Protestwelle.

Ein Regierungskritiker lobte die Polizei - und bekam Applaus

Noch im Februar hatte der regierungskritische Journalist Leonid Parfjonow bei einer der großen Kundgebungen in Moskau auf der Bühne gestanden und die Polizei gelobt, die so zurückhaltend daneben stand. Er erhielt sogar Applaus für seine Dankesworte.

Doch nun hat sich die Führung in Moskau für eine härtere Gangart entschieden. Die Wahlen sind vorbei, und damit auch der Zwang zu Kompromissen. Moskau sieht offenbar in den Demonstranten immer weniger einen unzufriedenen Teil der Gesellschaft, sondern einen Gegner, den man bekämpfen will. Putins Sprecher Dmitrij Peskow wurde gar mit dem Satz zitiert, die Polizisten sollten "die Leber der Demonstranten auf den Asphalt schmieren".