Süddeutsche Zeitung

Russland:Ungewohnt unentschlossen

Erste Corona-Auflagen sind aufgehoben, zugleich wird weiter gewarnt. Auch der Präsident irritiert die Bürger.

Von Silke Bigalke, Moskau

Es dröhnt und rattert wieder lauter in Moskau, seit Dienstag dürfen Baustellen wieder arbeiten. Auch große Industriebetriebe haben geöffnet, eine halbe Million Menschen kehren in ihren Jobs zurück. Doch die meisten Moskauer betrifft die erste Lockerung seit sieben Wochen nicht. Sie müssen mindestens bis Ende Mai in Selbstisolation bleiben.

Kein Wunder also, dass die Fernsehansprache des Präsidenten viele Zuschauer verwirrte. Am Montag erklärte Wladimir Putin die arbeitsfreie Zeit für beendet, seit Dienstag gilt die größte landesweite Einschränkung nicht mehr. Ironischerweise gilt dafür nun etwas anderes: Kein Land außer den USA verzeichnet offiziell mehr Infektionsfälle als Russland. Die Zahl der Neuinfektionen liegt seit zehn Tagen in Folge über 10 000.

Putins Rede wirkte entsprechend unentschieden. "Der Kampf gegen die Pandemie dauert an", sagte er trotz Lockerung. "Die Gefahr bleibt sogar in den Gebieten bestehen, in denen die Lage relativ gut ist." Alle wollten die Wirtschaft zurück in die Spur bringen, zu schnell zu handeln sei gefährlich, nicht zu handeln verantwortungslos, alles in allem sei es wie "zwischen Skylla und Charybdis zu wählen", zwei Meeresungeheuern der griechischen Sage also.

Eine Wahl, die Putin gerne den regionalen Regierungen überlässt. Der Präsident erlaubte zwar allen Firmen, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Die Regionschefs sollen es jedoch weiter verbieten, wo sie es für nötig halten. Die wirtschaftliche Aktivität in Russland ging laut Regierung seit Beginn der Pandemie um ein Drittel zurück. Die wenigsten Russen haben Rücklagen. Wer nicht arbeiten kann und seinen Lohn verliert, kann sich schnell Miete und Lebensunterhalt nicht mehr leisten. Alle sehnen sich nach dem Ende der Arbeitssperre. Für die steht Putin nun nicht mehr gerade.

Einer hörte der Rede mit besonders versteinerter Miene zu: Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin war per Video zugeschaltet. Er hatte am Freitag erklärt, dass die Selbstisolation in Moskau bis Monatsende gilt, die meisten Betriebe geschlossen bleiben. Viele Städte machten es nach. Auch wenn sich die Zahlen stabilisierten, so Sobjanin nach Putins Rede, bleibe "das Risiko einer weiteren Ausbreitung leider noch lange bestehen." Dienstagfrüh waren aber deutlich mehr Menschen auf Moskaus Straßen als in den letzten Wochen, glaubt man dem Selbstisolationsindex von Yandex, dem russische Google-Klon.

Die Hauptstadt zählt mehr als die Hälfte aller Infizierten im Land und bereitet sich auf viele mehr vor. Laut Behörden bauen 7000 Arbeiter rund um die Uhr an 44 provisorischen Krankenhäusern mit 10 000 Betten, nutzen dafür Ausstellungshallen und Messegelände. Den Anstieg erklärt Sobjanin damit, dass man nun mehr teste. "Wir sollten keine Angst vor der Zahl neu infizierter Patienten haben", sagte er. "Im Gegenteil: Je mehr Menschen wir testen, desto schneller helfen wir ihnen wirklich." Am Dienstag wurde bekannt, dass Putins Sprecher Dmitrij Peskow mit Covid-19 ins Krankenhaus kam. Laut Peskow traf er Putin zuletzt vor mehr als einem Monat.

Rätselhaft bleibt, warum Russland bei mehr als 232 000 Infizierten erst 2116 Todesfälle beklagt, eine deutlich niedrigere Rate als sonst in Europa. Eine Erklärung ist, dass nur die gezählt werden, die direkt an Covid-19 starben. Nur wenige russische Regionen veröffentlichen eine zweite Zahl: Patienten, die positiv getestet wurden, aber offiziell einer anderen Todesursache erlagen. Die Moscow Times zitiert einen Lungenspezialisten, der den Moskauer Behörden bei den Regeln half, nach denen Corona-Todesfälle definiert werden. Er vermutet, dass irgendwann beide Zahlen für ganz Russland öffentlich werden: Patienten, die an, und Patienten, die mit dem Virus verstarben. Die Zählweise etwa in den USA oder Italien hält er für falsch. Da die russischen Tests als wenig zuverlässig gelten, könnte eine andere Statistik wichtig werden: Die Entwicklung der Sterblichkeit. In Moskau starben im April 11 846 Menschen, knapp 2000 mehr als im April 2019 und etwa 20 Prozent mehr als im April-Durchschnitt. Besonders gefährdet ist Klinikpersonal, das über zu wenig Tests und Schutzkleidung klagt. Auf einer Internetseite sammelten Ärzte Namen von 167 Kollegen, die in der Pandemie starben, unabhängig von Testresultaten.

Am Dienstag machte ein Unglück die Überlastung deutlich: In Sankt Petersburg starben fünf Patienten, die beatmet werden mussten, bei einem Klinikbrand. Ein Beatmungsgerät hatte laut ersten Aussagen Feuer gefangen. Vergangene Woche kam ein Mensch bei einem Brand in einer Moskauer Klinik um, die Covid-19-Patienten behandelt.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4905124
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 13.05.2020
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.