Russland und Ukraine Es war einmal ein Brudervolk

Ukrainer fordern Russlands Präsident Putin auf dem Unabhängigkeitsplatz von Kiew zum Rückzug der Soldaten auf der Krim auf

Auf der Krim hat Russlands Präsident Putin mit rasender Geschwindigkeit und Brutalität Fakten geschaffen. Die Halbinsel ist wohl verloren, das ist den Ukrainern klar. Panisch fragen sie: Wie weit wird der Kreml noch gehen?

Von Cathrin Kahlweit

In den sozialen Netzen der Ukraine kursiert derzeit ein Schaubild, es sieht aus wie eine Bastelanleitung für Kinder: ausschneiden, zusammenkleben, spielen. Allerdings zeigt dieses kleine Schaubild die große und bittere Wirklichkeit, mit der das Land derzeit konfrontiert ist: links, riesig und bedrohlich, in Rot, die russische Schwarzmeerflotte auf der Krim mit ihren mehr als 40 mächtigen Kriegsschiffen. Daneben, in Grau und sehr klein, die ukrainische Flotte mit halb so vielen Schiffen, von denen einige nach Angaben von Experten ohnehin nicht einsatzbereit sein sollen.

Nicht, dass irgendein Ukrainer glauben würde, sein Land habe den Hauch einer militärischen Chance gegen Russland - auch wenn die Rhetorik in Kiew derzeit mehr nach Entschlossenheit und Heldenmut klingt als nach Verzweiflung. So hat der Verteidigungsminister in Kiew am Sonntag die Generalmobilmachung befohlen; alle wehrpflichtigen Männer sollen sich bei den Wehrämtern melden.

Übergangspräsident Alexander Turtschinow hatte zuvor die Armee in Alarmbereitschaft versetzt. Es gebe einen "Aktionsplan", sagte er drohend. Und Premier Arsenij Jazenjuk verkündete, wenn Russland die Krim einnehme, dann komme die "Katastrophe", dann gebe es Krieg.

Hilferuf an die Nato

Die explizit antirussische neue Regierung agiert bemüht professionell und geht auf Konfrontationskurs; sie beharrt auf der territorialen Souveränität ihres Landes und droht mit Gegenwehr. Alles andere, etwa sofortige Gesprächsangebote, wären in den Augen des Volkes einer Demutsgeste gleichgekommen, mit der sich die neue Regierung kurz nach ihrer Inthronisierung selbst jeder Autorität im Land beraubt hätte.

Nur: Die Ukraine hat einen der kleinsten Militäretats Europas. Denn wen hätte diese schlecht ausgebildete und schlecht ausgestattete Armee bisher auch erschrecken sollen? Aus dem Westen war keine Aggression erwartet worden, und Russland war, bis vor wenigen Tagen, ein "befreundetes Brudervolk" gewesen, in dessen Schutz sich das Regime von Viktor Janukowitsch geglaubt hatte.

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Jetzt verletzt Russland den Stationierungsvertrag über die Schwarzmeerflotte, die ein Maximum an Soldaten und Material sowie beschränkte Bewegungsfreiheit vorsieht - aber Moskau, das jährlich 70 Milliarden Dollar in die Verteidigung steckt, macht sich seine eigenen Regeln.

Nun hat es sich also entschieden, die flächenmäßig große, aber bankrotte und instabile Ukraine zu zerteilen. Der Hilferuf an die Nato, den das ukrainische Kabinett absetzte, kommt einem Flehen gleich. Doch aus Brüssel gibt es kein Signal, dass sich die westliche Militärgemeinschaft einzumischen gedenkt zugunsten eines Landes, das gar nicht in der Nato ist.