Russland und Türkei Was Putin und Erdoğan wirklich verbindet

Zwei Staatschefs beim Autokraten-Gipfel: Recep Tayyip Erdoğan und Wladimir Putin

(Foto: dpa)

Der türkisch-russische Autokraten-Gipfel mag Apokalyptikern einen Schrecken einjagen. Wer aber genauer hinsieht, der wird den Freundschaftsbanden etwas Positives abgewinnen können.

Kommentar von Stefan Kornelius

Russland ist ein beliebtes Reiseziel für alle Neustart-Politiker. Das Motto "Gehen Sie zurück auf Los" steht für die Hoffnung, dass sich verkorkste Beziehungen per Willenskraft richten lassen. Eine solche Monopoly-Strategie funktioniert in der echten Welt freilich selten. Hillary Clinton hat als US-Außenministerin den Reset-Knopf in Moskau gedrückt - und dabei ist es dann geblieben.

Wenn sich nun die Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan und Wladimir Putin zum Autokraten-Gipfel treffen, dann mag das dem einen oder anderen Apokalyptiker einen Schrecken einjagen und als Beleg dafür dienen, dass es mit der Demokratie bald ein Ende haben wird. Putin nutzt schließlich jede Gelegenheit, einen Keil in die Bündnisse des Westens zu treiben.

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Wer aber zwei, drei Schichten tiefer gräbt, der wird schnell Gründe zur Entspannung finden und den zarten russisch-türkischen Freundschaftsbanden sogar etwas Positives abgewinnen können. Die wichtigste Erkenntnis: Für zwei Länder, die sich vor acht Monaten noch beinahe im Kriegszustand befunden haben, ist der politische Dialog allemal besser als der Austausch von Boden-Luft-Raketen.

Vor allem die Türkei profitiert davon, wenn die Sanktionen aufgehoben werden, russische Touristen wieder ins Land kommen, und der Rohstoff-Nachschub garantiert ist. Stürzte das Land nach dem Putsch auch noch in eine ernste Wirtschaftskrise, dann würde das die Menschen erst recht radikalisieren - vermutlich auf Kosten der West-Freunde der Türkei. Dann wird es nämlich die politische Isolation durch die Verbündeten gewesen sein, die als Grund für die eigentliche Misere herhalten muss.

Unterordnung ist beiden gleichermaßen unbekannt

Das Petersburger Treffen wird aber vor allem deshalb die Konstellation der Gestirne nicht dauerhaft verändern, weil hier zwei Sonnen aufeinandertreffen, die eigentlich in getrennte Systeme gehören. Erdoğan und Putin verfolgen eine sehr ähnliche Agenda bei der Machtpflege, das Wort Unterordnung ist da unbekannt. Unterordnung aber wäre nötig, wenn sie die wirklich brennenden Themen auf ihrer Agenda lösen wollen.

Besonders in Syrien und mit Blick auf die Kurden verfolgen beide Präsidenten derart konträre Ziele, dass die Freundlichkeiten von Petersburg heuchlerisch wirken. In der langen Geschichte der türkisch-russischen Konflikte und Kriege hat sich immer wieder gezeigt, dass die strategischen Ambitionen beider Mächte geradezu selbstverständlich kollidieren, ob im Schwarzen Meer, auf der Krim oder in Armenien. Russland und die Türkei pflegen ein je unterschiedliches politisches und kulturelles Sendungsbewusstsein, die Positionen vertragen sich nicht miteinander.

Einzig ein kleines taktisches Interesse verbindet beide Präsidenten: Sie fühlen sich von einem arroganten Westen missverstanden, der aus ihrer Sicht mit zweierlei Maß misst. Mit diesem Vorwurf kann der Adressat freilich gelassen leben. Die Symbolik von Petersburg hat womöglich funktioniert. Ein neues Bündnis der Autokraten ist da nicht entstanden.

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