Russlands Engagement in Syrien Wie Putin den Westen unter Zugzwang setzt

Schickt Militär nach Syrien und bringt so den Westen unter Zugzwang: Russlands Präsident Wladimir Putin.

(Foto: dpa)

Russlands Präsident Wladimir Putin schafft in Syrien wieder einmal Fakten, und der Westen rätselt, wie er diesmal antworten soll.

Kommentar von Julian Hans

Die russische Sprache hat sich ein Wort aus dem Deutschen geliehen, das man vom Schachspiel kennt: Zugzwang. Wer seinen Gegner in Zugzwang bringt, lässt ihm nur Optionen, die von Nachteil für ihn sind. Und nichts tun geht auch nicht.

Wladimir Putin und sein Chefdiplomat Sergej Lawrow sind Meister darin, andere unter Zugzwang zu setzen. Das haben sie in den vergangenen Jahren mehrfach bewiesen. Immer wieder zauberte Moskau meisterhaft das berühmte Kaninchen aus dem Hut. Jedes Mal brach zwischen Berlin, Brüssel und Washington große Aufregung aus. Der Zauberer konnte zusehen, wie sich seine Antagonisten zerstritten, er konnte in Ruhe die nächste Überraschung vorbereiten.

Ob Syrien, ob Ukraine: Die Taktik funktioniert

In Syrien begann das Spiel mit der Blitzinitiative zur Vernichtung der Chemiewaffen vor zwei Jahren. Ein großer Teil des Arsenals wurde inzwischen unschädlich gemacht, das ist die positive Seite. Die USA haben im Gegenzug auf Luftschläge gegen Assad verzichtet. Wer weiß, wohin sie geführt hätten. Aber die syrische Armee hat gleichzeitig ihren Krieg gegen das eigene Volk ungebremst fortgesetzt, mit Flächenbombardements, Fassbomben und womöglich auch mit Gas. 250 000 Menschen wurden seit dem Ausbruch des Krieges getötet, die allermeisten von Assads Armee.

Auch gegenüber Kiew hat Moskau diese Taktik mehrfach angewendet. Angebote im Erdgasstreit wurden stets begleitet von der Drohung, im nächsten Winter müsse das Land eben frieren. Im Donbass hat Russland den Konflikt erst entzündet und dann durch einen nicht versiegenden Strom von Waffen und Kämpfern am Brennen gehalten. Dann hat der Kreml überraschend Hilfe angeboten für die Opfer: Der Konvoi der weißen Armeelaster rollte schon, als Kiew und das Rote Kreuz unterrichtet wurden. Konnte man ablehnen?

Präsident Putin schafft wieder Fakten. Aber was ist sein Ziel?

Nun wieder Syrien, wo sich die Terroristen des Islamischen Staats (IS) breitmachen, während Assads Staat zerfällt. Wenn ihr die bekämpfen wollt, dann geht das nur mit uns, haben Putin und Lawrow erklärt. Dass die Vorbereitungen für einen Militäreinsatz an der Seite Assads bereits im vollen Gange sind, hat Moskau nicht einmal ernsthaft dementiert. Darüber zu sprechen sei "verfrüht", sagte Putin.

Sich auf das Angebot einzulassen würde bedeuten, gleich zwei unberechenbare Herrscher als Partner zu akzeptieren: Putin und Assad. Washington zögert deshalb, und wurde gleich mit noch einem Schreckensszenario versorgt: Russische und US-Flugzeuge könnten sich im Himmel über Syrien in die Quere kommen - ein Unfall, der in die Katastrophe führen könnte.

Wieder zerbrechen sich Beobachter die Köpfe darüber, was Putin erreichen möchte. Die zwei wichtigsten Deutungen schließen einander nicht aus: Wahrung und Ausbau des russischen Einflusses im Nahen Osten zum einen; zum anderen Rückkehr als gleichberechtigter Partner mit den USA auf die internationale Bühne.

Russland erscheint plötzlich als möglicher Partner

Wie in der Ukraine hat Russland auch im Nahen Osten an Einfluss verloren. Nun kann Moskau dafür sorgen, dass die anderen wenigstens keinen Einfluss gewinnen. Außerdem erwirbt sich Putin die Sympathien Irans, das sich nach dem Atomabkommen nicht zu sehr an den Westen binden soll. Die Krim-Annexion und der Krieg im Donbass sind in dem Getöse bereits in den Hintergrund gerückt. Plötzlich erscheint Russland als möglicher Partner; Prinzipien verlieren an Bedeutung.

Es ist durchaus wahrscheinlich, dass die Führung in Moskau selbst noch nicht entschieden hat, welcher Punkt für sie Priorität hat. Aber das hat Zeit, während in Berlin, Brüssel und Washington darüber gestritten wird, ob Assad und Putin nicht doch das kleinere Übel seien. Putin verspürt keinen Zugzwang.