bedeckt München 23°

Russland und Polen:Auf der Suche nach gemeinsamen Interessen

Tusk hatte damals als Oppositionsführer sehr genau beobachtet, dass bei den westlichen Verbündeten vor allem Warschau und weitaus weniger Moskau für diese Spannungen verantwortlich gemacht worden war. Auch klagte damals die polnische Exportwirtschaft, dass der Konfrontationskurs der Zwillinge das Russlandgeschäft nahezu ruiniert habe. Also schlug Tusk nach seinem Sieg bei den Parlamentswahlen 2007 einen neuen Kurs ein. Er verzichtete auf jegliche emotionale Rhetorik und ließ über diplomatsiche Kanäle gemeinsame Interessen ausloten. Auch sein Außenminister Radoslaw Sikorski, der als Verteidigungsminister im Kabinett Kaczynski noch ein Scharfmacher war, schwenkte auf die Linie der Verständigung ein.

Dieser Kurs lag auch im Interesse Moskaus, denn Warschau hatte bislang Abkommen Russlands mit der EU blockiert. Das Ende der Eiszeit bedeutete auch, dass Polen somit aus russischer Sicht neutralisiert war. Damit aber sind längst nicht alle politischen Differenzen beseitigt.

So protestiert Moskau nach wie vor gegen die Stationierung amerikanischer Abwehrraketen in Polen. Warschau hat wiederum erst in der vergangenen Woche Klage gegen das Endstück der Erdgaspipeline durch die Ostsee erhoben, weil dies nach polnischer Auffassung die Fahrrinne zum Hafen Swinoujscie (Swinemünde) blockiert. Der Handel dagegen kam wieder in Gang.

Wichtiger symbolischer Schritt zur neuen Zusammenarbeit war die Teilnahme Putins an den Feiern zum 70. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs auf der Danziger Westerplatte am 1. September 2009. Als Durchbruch wurde auch die gemeinsame Gedenkfeier zum 70. Jahrestag des Massakers von Katyn am 7. April 2010 gewertet, an der Putin und Tusk teilnahmen.

Allerdings erfüllte Putin nicht die Erwartungen der Polen und sprach keine Bitte um Vergebung aus. Stattdessen erklärte er, im Walde von Katyn lägen auch viele russische Opfer des Stalin'schen Terrors, und zwar um ein Vielfaches mehr als polnische. Tusk war von dieser Rede sichtlich überrascht; ein Teil der polnischen Presse warf Putin vor, Henker als Opfer darstellen zu wollen.

Drei Tage nach dieser in Polen skeptisch aufgenommenen Ansprache Putins stürzte die polnische Präsidentenmaschine unweit von Smolensk ab. Die Hoffnung vieler Polen, dass die russische Staatspitze als Rechtsnachfolger der Sowjetunion Gesten gegenüber den Nachfahren der polnischen Opfer machen würde, wie es Bundeskanzler und Bundespräsidenten als Rechtsnachfolger des Dritten Reiches getan haben, blieben bislang unerfüllt.

© sueddeutsche.de/jab
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB