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Russland und Litauen:Kampf um das verlorene Imperium

Litauen - Altstadt von Vilnius

Der EU-Gipfel in Vilnius soll Europa weiter in Richtung Osten öffnen - die Stimmung in Litauen geht längst Richtung Westen. (Archivbild von 2007)

(Foto: dpa)

Das kleine Litauen ist beim EU-Gipfel Gastgeber eines großen Ringens zwischen Ost und West: Russland und die Europa buhlen um Einfluss auf Osteuropas junge Demokratien. Den größten Erfolg verbucht Moskau. Bislang.

Von Frank Nienhuysen, Vilnius

Er war gewarnt worden. In den russischen Zeitungen hatte es Signale gegeben, und dann auch in den litauischen, aber was hätte er schon machen können? Dalius Trumpa weiß ja jetzt noch nicht, was er tun soll, um Russland zufriedenzustellen.

Um wieder exportieren zu dürfen in das große Nachbarland. "Wir sind immer bereit, unsere Qualität noch weiter zu verbessern, aber die russische Seite hat uns ja gar nichts Konkretes mitgeteilt", sagt er. Trumpa ist Vizepräsident von Rokiskio Suris, dem größten milchverarbeitenden Unternehmen im Baltikum, und er weiß noch genau, dass es der 7. Oktober war, als seine Lastwagen nicht mehr über die russische Grenze gelassen wurden, einfach kehrtmachen mussten mit dem gestapelten Käse und der verladenen Butter, zurück ins Werk nach Litauen.

Dass dieses Exportverbot russische Politik ist, davon ist die litauische Regierung überzeugt. Sie sieht es als eine Art Strafe dafür, dass Litauen an diesem Donnerstag und Freitag Gastgeber des EU-Gipfels ist, weil es als EU-Ratsvorsitzender osteuropäische Staaten wie die Ukraine, Republik Moldau und Georgien in die EU locken will, und weil es sich in der Energiepolitik aus der Abhängigkeit von Russland befreien will. Gründe sieht man in Vilnius allerlei.

In Trumpas Büro im Städtchen Utenas hängen neben den Fotos des örtlichen Basketball-Teams, das von seinem Unternehmen gesponsert wird, ein paar gerahmte Zertifikate an der Wand. Es sind Zeugnisse davon, dass die litauische Traditionsfirma mit ihren 1700 Mitarbeitern die internationalen Standards erfüllt. Es ist ja nicht so, dass sie nur nach Russland liefert. Die Firma führt Milchprodukte auch in die USA aus, exportiert in andere Staaten der Europäischen Union. "Niemand hat was zu beanstanden gehabt", sagt Trumpa. Nur eben plötzlich Russlands Verbraucherschutz-Behörde Rospotrebnadsor.

Der rentabelste Markt bleibt erstmal verschlossen

20 Prozent seiner Ausfuhren gehen nach Russland, in die Großräume Moskau und St. Petersburg. "Wir haben seit Sowjetzeiten ein gutes Image in Russland, und für uns ist Russland attraktiv. Wir kennen die Sprache, wir haben einen kurzen Weg und gute Preise. Es ist praktisch der rentabelste Markt für uns", erzählt er auf Russisch. Nun, da der rentabelste Markt erst mal verschlossen bleibt, denkt Trumpa um, orientiert sich noch stärker nach Europa. Verkauft mehr an länger haltbaren Produkten in die EU, nach Italien vor allem, das zwar selber guten Käse herstellt, aber noch sehr viel mehr verbraucht. Mehr jedenfalls, als es produziert.

Dabei geht es Trumpa noch gut, er sagt, seine litauische Konkurrenz habe es nach dem Exportverbot deutlich schwerer, denn einige Unternehmen hätten bisher sogar die Hälfte ihrer Produktion nach Russland geliefert. Und müssen jetzt warten, dass Moskau großzügig ist und seine Bedenken wieder verwirft. Wann das sein wird, weiß keiner.

Trumpa glaubt, hofft vielmehr, dass das russische Verbot schon bald wieder aufgehoben wird, aber in der Hauptstadt Vilnius wird darüber schon länger geredet, ohne dass sich etwas geändert hat. Für die Regierung steht fest: Russland will seine Kräfte zeigen, so kurz vor dem Gipfeltreffen, auf dem die europäische Integration mit der Republik Moldau, mit Georgien angeschoben werden soll - und eigentlich auch mit der Ukraine.

Die Ukraine hat sich nun auf Moskauer Druck hin gegen die Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit der EU entschieden und damit auch den Triumph der litauischen Gastgeber geschmälert, die sich wie Polen und die übrigen Baltenstaaten schon seit Jahren für die osteuropäischen Nachbarstaaten einsetzen. Vielleicht auch deshalb sagte Litauens Präsidentin Dalia Grybauskaite neulich dem französischen Figaro gereizt, "die Methoden, die Russland anwendet, nämlich die Ukraine und ihre Partner einzuschüchtern, sind inakzeptabel." Sie weiß: Ein Abkommen mit der Ukraine zum Ende von Litauens Ratspräsidentschaft wäre auch für ihr Land ein Symbol des Erfolgs.

"Die östlichen Partner könnten einen Wohlstandsgürtel um Europa bilden", sagt Jovita Neliupsiene, die außenpolitische Chefberaterin der Präsidentin. Enttäuscht, dass die Ukraine nun doch nicht unterschreibt? "Sie hat ihre eigene Entscheidung getroffen", sagt die Chefberaterin, "und das Angebot der EU bleibt ja auf dem Tisch." Enttäuscht sei sie eher darüber, dass Russland es für nötig gehalten habe, zu Druckmitteln zu greifen. Russland, so sagt die Chefberaterin in ihrem Büro im Präsidentenpalast, habe seine Werkzeuge schon früh eingesetzt, gleich nachdem Litauen Anfang der Neunzigerjahre unabhängig wurde. Sie spricht von "Repressionen", von "fast totaler Blockade".

Balten sind für Russland Teil eines verlorenen Imperiums

Schon im Jahr 2009 habe es Probleme gegeben, in diesem Jahr war es dann der August, als die litauischen Lastwagen an der Grenze besonders streng kontrolliert wurden, "ohne erkennbare Begründung", wie Litauens Präsidentenberaterin klagt. "Eigentlich ist es ja nichts Neues, außer dass die Aufmerksamkeit jetzt größer ist, wegen des EU-Gipfels, der Östlichen Partnerschaft, aber auch wegen unserer Energiepolitik. Für Russland sind wir Balten ein Teil des verlorenen Imperiums."

Litauen ist 2004 der Europäischen Union beigetreten. Es ist eines der baltischen Länder, die seit dem Zerfall der Sowjetunion eifrig und entschlossen ein Ziel verfolgt hatten: den Weg in die EU und in die Nato. Sie haben es längst erreicht, führen nun nacheinander auch den Euro als Gemeinschaftswährung ein. Aber so einfach kann auch Litauen seine jahrzehntelange Vergangenheit nicht abschütteln. Das Verhältnis zu Russland bleibt zwiespältig.

Einerseits ist es ein riesiger Markt, ein Nachbar, dessen Sprache viele Litauer sprechen. Andererseits entzündet sich etwa an der Grünen Brücke, die sich in Vilnius über den Fluss Neris spannt, sogleich eine parlamentarische Debatte über das historische Erbe, weil die ermatteten Skulpturen von sowjetischen Soldaten, Landwirten und Werktätigen dringend erneuert gehören. Klar ist, der Baltenstaat würde sich trotz der Mitgliedschaft in der EU gern noch etwas unabhängiger vom Osten fühlen.

Russland liefert Energie - und Kummer

"Wir fühlen uns europäisch, wir sind europäisch, waren es zu Sowjetzeiten schon", sagt die Präsidentenberaterin. Gleichwohl sind die Bande zu Russland nach wie vor eng. Angewiesen ist Litauen vor allem auf die russischen Gaslieferungen, was dem Land nicht nur Energie bringt, sondern auch Kummer. "Wir müssen inzwischen fast 30 Prozent mehr für russisches Gas bezahlen als etwa Deutschland, das ist eine große Bürde für unsere Industrie", sagt sie. "Der Preis ist kontinuierlich gestiegen, deshalb hoffe ich, dass wir alle unsere Projekte verwirklichen können."

Für Moskau sind diese Projekte eine wirtschaftliche Bedrohung. Vor allem ist es ein fast 300 Meter langer Supertanker, der gerade in einer südkoreanischen Werft gebaut wird, der nun wiederum dem russischen Unternehmen Gazprom Sorgen bereitet. Er soll eine Art Andockstation werden für Schiffe, die Flüssiggas aus anderen Ländern der Welt nach Litauen bringen. Ausgerechnet 2015, wenn Litauens jetziger Vertrag mit Gazprom ausläuft, soll über das neue Terminal in Klaipeda erstes Flüssiggas herangeschifft werden. "Dann", sagt die litauische Präsidentenberaterin, "wird Russland es schwer haben."

Es ist früher Abend, als sie den Präsidentensitz in der Nähe der Altstadt von Vilnius verlässt. Die litauische Fahne flattert vor dem erleuchteten Gebäude, auf den Haupttrakt wird über beide Stockwerke derzeit der Sternenkranz der EU projiziert, bis hinauf zum Dach. Litauens Stolz ist schwer zu übersehen.

© SZ vom 28.11.2013/kfu

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