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Russland und die Nato:Die Nato braucht Russland

Die Nato kann keine ihrer künftigen Aufgaben ohne oder gar gegen Russland lösen. Russland strebt danach, sein Potential zu modernisieren, die ökonomische und politische Praxis von Europa wahrzunehmen und kreativ zu erlernen - dabei aber seine Identität und Unabhängigkeit zu bewahren. Beide Teile Europas wurden durch das 20. Jahrhundert künstlich auseinandergerissen, und beide müssen sie dieselben Sicherheitsprobleme aushalten.

Nato Soldaten in Afghanistan

Nicht nur der Krieg in Afghanistan hat in der Allianz zu Debatten geführt. Welche Rolle kann Russland bei zukünftigen Konflikten spielen?

(Foto: dpa)

Gemeinsame Bedrohungen erfordern eine gemeinsame Antwort. Das ist exakt der Grund, warum es notwendig ist, das Gravitätszentrum für Partnerschaften im Allgemeinen und für das Management der Nato-Russland-Beziehungen im Besonderen zu verlagern: weg vom Internationalen Sekretariat der Nato, hin zum Nato-Russland-Rat.

Es ist notwendig, Moskau in aller Form einzuladen, am selben Tisch zu sitzen - und dies nicht, um wechselseitig Fehler zu finden, sondern damit es zu einem permanenten offenen Dialog kommt und gemeinsame Beschlüsse gefasst werden. Und dieser Dialog muss in gemeinsame Projekte münden - zum Beispiel in eine gemeinsame Raketenabwehr oder in gemeinsame Initiativen zur Rüstungskontrolle. Am Ende werden gegenseitige Sicherheitsgarantien, Vertrauen und tagtägliche praktische Kooperation den chronischen Missklang zwischen Russland und dem Westen beseitigen, der beide Seiten doch nur schwächt.

Dies ist das Jahr, in dem sich das Ende des blutigsten aller Kriege in Europa zum 65.Mal jährt. Da können Themen, die für alle Staaten im euro-atlantischen Raum Gewicht haben, nicht bewältigt werden, indem man auf das Mittel der Abschreckung zurückgreift oder dieses oder jenes Land von der Teilhabe an diesem Prozess fernhält. Dauerhafter und hoffentlich ewiger Friede in Europa wird nur auf der Basis ungeteilter Sicherheit möglich sein, was umgekehrt die Voraussetzung ist für Russlands Modernisierung und Europas Gedeihen.

Dmitrij Rogosin ist derzeit ständiger Vertreter Russlands bei der NATO. Volker Rühe war bis 1998 Verteidigungsminister. Von November 2002 bis Oktober 2005 war er Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses.

© SZ vom 15.07.2010/dana/aho
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