Vorfall in Meerenge von Kertsch Welche Rolle russische Medien im Konflikt mit der Ukraine spielen

Die Meerenge von Kertsch im Abendlicht: Was genau passierte am Sonntag im Schwarzen Meer?

(Foto: REUTERS)
  • Russische Massenmedien folgen in ihrer Interpretation des Zusammenstoßes zwischen der Ukraine und Russland der Linie ihrer Regierung. Die sieht darin eine Provokation Kiews und westlicher Staaten.
  • Es gibt aber auch besonnene Beobachter in Russland.
  • Sie werden von der Sorge umgetrieben, dass die Situation weiter eskaliert.
Von Paul Katzenberger, Moskau

Nur die Wenigsten wissen, was in der Meerenge von Kertsch tatsächlich vorgefallen ist. Denn wenn es um die Erklärung des Vorfalls vom Sonntag geht, bei dem russische Spezialkräfte drei ukrainische Militärboote mit 24 Mann an Bord im Schwarzen Meer festgesetzt haben, steht Aussage gegen Aussage.

Kiew bezeichnet den Vorgang als völkerrechtswidrigen Angriff, während Dmitrij Poljanskij, stellvertretender russischer Botschafter bei den Vereinten Nationen, von einer "aggressiven Provokation" der Ukraine sprach, die von der EU und den USA koordiniert worden sei. Auch der russische Außenminister Sergej Lawrow wies der Ukraine die Verantwortung für das Scharmützel zu.

Und die Fronten verhärten sich weiter: Die Ukraine verhängte das Kriegsrecht, was im Land wegen der damit verbundenen Einschränkungen der Freiheitsrechte umstritten ist. Präsident Petro Poroschenko wandte sich in einer Fernsehansprache an die Nation, die sehr alarmistisch klang: Die russische Armee habe die Zahl der Panzer entlang der Grenze zur Ukraine verdreifacht. Er warnte vor der Gefahr eines "vollständigen Kriegs". Auch Moskau verschärfte die Tonart. Die Verhängung des Kriegsrechts habe "das Potenzial", die Feindseligkeiten im Osten der Ukraine neu anzufachen, sagte Kremlsprecher Dmitrij Peskow.

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Für die öffentliche Meinungsbildung in Russland ist es allerdings nachrangig, wer wirklich verantwortlich ist an der neuerlichen Zuspitzung des Konfliktes zwischen den beiden Ländern. Vielmehr wird die Lesart der eigenen Regierung häufig unkritisch eins zu eins übernommen. Das Boulevardblatt Moskowskij Komsomolez (MK) etwa veröffentlichte einen langen Artikel, der unter der Überschrift "Was in der Straße von Kertsch wirklich geschah" von einer Provokation der Ukraine spricht, die nun eine neue Runde "antirussischer Hysterie" ausgelöst habe.

Was die angeblichen Strippenzieher in Washington und Brüssel angeht, buchstabiert der Artikel aus, was Poljanskij nur andeutete: "Wenn man die außenpolitische Strategie des Westens genauer analysiert, erkennt man ein interessantes Muster: Circa alle drei Monate bestimmt eine Geschichte die Schlagzeilen, die eine neue Gelegenheit darstellt, die Sanktionen gegen Russland zu verschärfen: Malaysisches Passagierflugzeug abgeschossen, vermeintlicher Giftgasangriff in der syrischen Stadt Duma, angebliche Bombardierung Aleppos, der Fall Skripal, angeblich illegitime Wahlen in den Volksrepubliken Donezk und Lugansk und nun die Verletzung der russischen Grenze durch die ukrainische Marine."

Die Unterstellung etwa, dass der Westen Russland für den Abschuss von Flug MH370 im Jahre 2014 grundlos verantwortlich gemacht habe, um das Sanktionsregime gegen das Land auszudehnen, klingt in westlichen Ohren abenteuerlich. Doch Verschwörungstheorien dieser Art finden in Russland oft genug Gehör. Immerhin ist der Moskowskij Komsomolez die zweitgrößte Tageszeitung des Landes.

Zu seinen Leserinnen zählt etwa Darja Morosowa, die sich der Argumentation der Zeitung vollständig anschließt: "Wenn wir angegriffen werden, müssen wir uns verteidigen", sagt die 43-jährige Kosmetikerin kurz und knapp. Morosowa wohnt in Nowokosino, einer gigantischen Plattenbausiedlung im Osten Moskaus. Dort leben viele Menschen aus dem Arbeitermilieu mit vergleichsweise geringem Einkommen, die häufig empfänglich für die Regierungspropaganda sind.

Nachrichten, direkt vom russischen Verteidigungsministerium

Dass Russland im aktuellen Fall vor der Krim nur aus Notwehr gehandelt hat, wird den Menschen auch auf anderen Kanälen eingebläut. Das russische Staatsfernsehen sendete am Montag Bilder der drei ukrainischen Marine-Soldaten in Dauerschleife, die auf der Krim einem Haftrichter vorgeführt worden waren. In dem vom russischen Geheimdienst FSB veröffentlichten Video sagen die festgesetzten Seeleute in die Kamera, sie hätten die russische Grenze verletzt. Ob sie zu ihren Aussagen gezwungen wurden, blieb unklar. Einer von ihnen las die Worte allerdings eindeutig von einem Teleprompter ab.

Zuvor hatte bereits der russische Fernsehsender Svesda ("Stern") die Stimmung angeheizt. Der Kanal, der vom russischen Verteidigungsministerium betrieben wird, berichtete schwerpunktmäßig über gewaltsame Demonstrationen von ukrainischen Nationalisten vor dem Parlament in Kiew oder unterstellte in seiner Berichterstattung, dass ähnliche Provokationen der Ukraine auch in den umkämpften Gebieten um Donezk oder Lugansk zu erwarten seien.

Doch nicht alle Menschen in Russland lassen sich dadurch aufpeitschen. Bei manchen Bürgern überwiegt die Befürchtung, dass die Lage eskaliert, noch mehr Menschen sterben, und sich Russland weiter isoliert. Zu den Besorgten zählt die pensionierte Lehrerin Wiktoria Nowikowa, die der Vorfall mit großer Unruhe erfüllt: "Seit ich das am Montag in den Nachrichten gehört habe, bin ich sehr beunruhigt", sagt sie. Ihrem 96-jährigen Vater gehe es genauso, der habe beim Frühstück gar nicht mehr aufhören können, davon zu sprechen. "Und in meinem Englischkurs war es auch das große Thema", berichtet sie. Niemand in ihrem Umfeld lasse die neuerliche Zuspitzung des Konflikts kalt. Die Menschen in der Ukraine tun ihr besonders leid: "Mein Mann hat dort Verwandte, und wir haben sie mehr als einmal besucht. Doch nun wissen wir gar nichts mehr über sie, und wie es ihnen geht", klagt die 61-Jährige.

"Nowaja Gaseta": Entschärfung wäre ein Leichtes gewesen

Auch unter den Kommentatoren gibt es Stimmen, die für Mäßigung werben. Die Kolumnistin Julija Latinina fragt sich in einem Artikel in der Nowaja Gaseta, warum der Zusammenstoß der ukrainischen und russischen Kriegsschiffe nicht sofort an Ort und Stelle entschärft worden sei. Dies hätte für die russischen Grenztruppen ein Leichtes sein müssen, argumentiert sie, da die ukrainischen Schiffe von vornherein auf den Einsatz ihrer Bordkanonen verzichtet hätten. Die Konsequenzen seien nun auch für Russland unerfreulich: "Beide Länder befinden sich jetzt in einer Position, aus der sie ohne Gesichtsverlust kaum wieder herauskommen", schreibt sie.

Die Nowaja Gaseta gilt als einzige unabhängige Zeitung Russlands mit landesweiter Reichweite - ihre Berichterstattung ist deutlich näher an den Fakten orientiert als an den Verschwörungstheorien, die andere russische Medien so gerne verbreiten. Insofern ist Latinina zurückhaltend, was die Frage angeht, ob der Konflikt aus innenpolitischen Gründen von Kiew oder Moskau entweder lanciert worden sei oder nun bewusst verschärft werde. Spekulationen in diese Richtung hatte am Montag etwa die britische Boulevardzeitung Globe and Mail veröffentlicht.

Denn nach der umstrittenen Rentenreform in Russland sind die Zustimmungswerte für Präsident Wladimir Putins deutlich gesunken, und in der Ukraine kämpft auch Poroschenko mit einem signifikanten Popularitätsverlust. Er läuft Gefahr, die kommenden Präsidentschaftswahlen im März 2019 zu verlieren. Beide Präsidenten könnten also ein Interesse daran haben, sich als starke Männer zu profilieren, um ihre Beliebtheit beim jeweiligen Volk zu steigern.

Wenn es so wäre, könne es immerhin als etwas Rationales interpretiert werden, schreibt die Kolumnistin der Nowaja Gaseta. Doch sie hält eine andere Erklärung für deutlich wahrscheinlicher - und besorgniserregender: "Was, wenn das alles nur durch einen General vor Ort ausgelöst wurde, der Lob einheimsen wollte?"